Über die Qualität und Ästhetik sportlicher Bewegung

EINLEITUNG

Anfang Juni stand ich an einem verregneten Sonntagabend auf einem unscheinbaren Rasenplatz hinter einem Edeka. Um mich herum drängten sich unter Bäumen, Regenschirmen und Pavillons, vor dem Regen Schutz suchend, Hunderte von Menschen, die alle nur das eine wollten: Hammerwurf sehen. Mitten im Ortskern von Fränkisch-Crumbach liegt, hinter besagtem Edeka, die Betty-Heidler-Arena – kein gewöhnlicher Sportplatz, sondern ein international renommierter Austragungsort für Hammerwurfwettkämpfe. Gerade betrat Merlin Hummel den feuchten Ring. Unter anfeuerndem Klatschen der Zuschauer schwang er an und schleuderte seinen 7,26 kg schweren Hammer nach vier Umdrehungen in die Luft. Scheppernd schlug die Metallkugel auf dem Boden auf und krachte in den Schrankenzaun, der sie daran hinderte, sich in der Fassade des Edekas zu verewigen. 81,23 Meter. Persönliche Bestleistung, Meeting-Rekord und der weiteste Hammerwurf eines Deutschen seit 2002. Ein unglaublich guter Wurf.

Später am Abend auf der Heimfahrt im Auto reflektierte ich über den Wurf. Als der Hammer durch die Luft segelte, hörte man ein kollektives Raunen durch die Menge gehen, aber nicht nur aufgrund der Weite, gemessen war der Wurf noch lange nicht, sondern wegen der Geschwindigkeit der Drehungen, dem Zischen beim Abwurf, der scheinbar mühelosen Flugkurve des Hammers durch die Luft. In diesem Moment war alles andere vergessen, die Anzeigetafel, die anderen Teilnehmer und sogar die Idee des Wettkampfes an sich. Was zurückblieb, war reine, beinahe transzendente Schönheit.

Diese Erfahrung ließ mich fragen: Woher kommt diese Schönheit? Wie bestimmen wir, ob ein Wurf „schön“ ist? Und wie verhält sich diese Schönheit zur Qualität einer Bewegung, zur Effektivität einer Technik, zum Erfolg einer Handlung?

 

ABSATZ 1: EFFEKTIVITÄT UND EFFIZIENZ

Um die Argumentation im folgenden Text nachvollziehbar zu machen, ist es hilfreich, zunächst zwei zentrale Begriffe zu klären: Effektivität und Effizienz. Beide beschreiben die Qualität einer Leistung, jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie stellen zwei verschiedene Gütekriterien dar, mit denen (sportliche) Leistungen bewertet werden können.

Beginnen wir mit der Effektivität. Laut dem Duden bedeutet „effektiv“ so viel wie „wirksam“, „nutzbringend“, „sich tatsächlich feststellen lassend“ (Duden, n.d.). Effektivität beschreibt das Ausmaß, in dem eine Handlung ihr beabsichtigtes Ziel erreicht (vgl. bspw. Meinel et al., 2007). Im sportlichen Kontext könnte dies bedeuten: Ein Hochspringer überquert die Latte, eine Kugelstoßerin erzielt eine neue persönliche Bestweite oder eine Siebenkämpferin qualifiziert sich durch ihre Punktzahl für die Weltmeisterschaft. Die Effektivität lässt sich in der Regel durch objektive Bewertungskriterien und Messverfahren quantitativ erfassen. Diese Erfassung erfolgt immer in Bezug zu etwas, ist also relational. Ein Speerwurf von 90 Metern kann effektiv sein, wenn er eine neue Bestleistung darstellt - gleichzeitig aber ineffektiv, in Bezug auf den Wettkampf, wenn mehrere andere Athleten weiter geworfen haben. Effektivität lässt sich nur bestimmen, wenn sich die Leistung im Verhältnis zu- und einordnen lässt. Grundsätzlich beantwortet Effektivität die funktionale Frage: War die Handlung erfolgreich in Bezug auf das gesetzte Ziel?

Diese Sichtweise auf eine Leistung kann aber unzureichend sein. Ein bekanntes Beispiel aus der Leichtathletik ist das Hochsprungfinale der Olympischen Spiele in Tokyo, in welchem sich Mutaz Barshim und Gianmarco Tamberi die Goldmedaille teilten, nachdem ihre Leistungen im Wettkampf keinen klaren Gewinner hervorbrachten. In diesem Fall führte es zu einer schönen Demonstration von Sportgeist und Freundschaft in anderen Situationen kann eine fehlende Differenzierungsmöglichkeit aber zu Problemen führen. Hier setzt der Begriff der Effizienz an. Er beschreibt nicht nur ob, etwas erreicht wurde, sondern wie. Zwei Athletinnen, die dieselbe Weite im Diskuswurf erzielen, können sich in ihrer Effizienz deutlich unterscheiden. Athletin A bewegt sich mit tänzerischer Leichtigkeit und Rhythmus durch den Ring, während Athletin B angespannt wirkt und technische Mängel mit Kraft kompensieren muss. Beide sind effektiv, aber Athletin A ist effizienter.

Effizienz impliziert also eine gewisse Qualität von Bewegung. Ein scheinbar optimales Verhältnis von Aufwand und Ergebnis, eine Art Bewegungsökonomie, ein gewisser Flow, der sich nicht direkt messen, sondern hauptsächlich erfahren und beobachten lässt und in der Ausführung liegt (Elphinston, 2008; Burns et al., 2020; Sparrow, 1983). Entscheidend ist, dass diese Erfahrung keineswegs rein subjektiv oder beliebig ist. Auch sportferne Zuschauer:innen können, unabhängig von Vorerfahrung oder Wissen über das Ergebnis der Handlung, erkennen, wenn eine Bewegung effizient ist (Best, 1979). Effizient erzeugt oft eine Art von sinnlicher Evidenz, die sich durch flüssige Übergänge, rhythmische Harmonie, Leichtigkeit in der Bewegungsausführung oder ein „Mehr mit weniger“ äußert. Effiziente Bewegung wird von uns als elegant, leicht und anmutig empfunden, selbst wenn sie enormen Aufwand erfordert. Der Sport liefert dafür viele Beispiele: eine Marathonläuferin, die scheinbar mühelos über die Straße gleitet, ein Rugbyspieler, der die gegnerische Verteidigung austänzelt, oder ein 130 kg schwerer Kugelstoßer, der gewaltige Kraftleistungen so elegant und leicht aussehen lässt.

Effizienz ist sichtbar, auch wenn sie sich nicht immer erfassen lässt. Potter Stewart, ein ehemaliger Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, beschreibt es passend. Ihm oblag im Jahr 1964 die Entscheidung, ob ein Film als pornographisch einzustufen sei. In seinem Urteil schrieb er:

“I shall not today attempt further to define the kinds of material I understand to be embraced within that shorthand description ["hard-core pornography"], and perhaps I could never succeed in intelligibly doing so. But I know it when I see it, and the motion picture involved in this case is not that.” (Jacobellis v. Ohio, 378 U.S. 184, 197 (1964), Stewart, J., concurring)

„Ich erkenne es, wenn ich es sehe.“ Diese schwer zu fassende Qualität führt uns zu einer grundsätzlichen Frage: Warum empfinden wir effiziente Bewegungen als schön? Und: Könnte es sein, dass unser ästhetisches Empfinden tief mit dem Begriff der Effizienz verknüpft ist? Zuerst gilt es aber, zu klären, was „Schönheit“ überhaupt ist.

 

ABSATZ 2: SCHÖNHEIT IN DER BEWEGUNG

Die Frage nach der Schönheit ist seit Jahrhunderten Gegenstand philosophischer Debatte. David Hume argumentiert in seinem Essay „On the Standard of Taste“, dass Geschmack einerseits subjektiv geprägt ist – niemand könne einer anderen Person vorschreiben, was ihr zu gefallen habe –, dass es jedoch andererseits einen objektiven Maßstab gebe, an dem sich „guter“ Geschmack orientiere (Hume, 1757). Dieser Maßstab werde, so Hume, von Experten und Kritikern gesetzt, deren Urteil durch Erfahrung, Bildung und Sensibilität verfeinert sei.

Immanuel Kant präzisiert diesen Gedanken, indem er zwischen drei Arten des Wohlgefallens unterscheidet: dem Angenehmen, dem Guten und dem Schönen. Das Angenehme beruht auf rein subjektiven Empfindungen: Mir mag es gefallen, dass ich die Tapete im Wohnzimmer grün gestrichen habe, meiner Freundin vielleicht nicht. Das Gute wird anhand seiner Zweckmäßigkeit beurteilt: Ein Messer ist „gut“, wenn es scharf ist und zuverlässig schneidet. Das Schöne hingegen zeichnet sich nach Kant dadurch aus, dass es „ohne Begriff allgemein gefällt“ (Kant, 2015). Es handelt sich um „interesseloses Wohlgefallen“, frei von praktischen Absichten, Nutzen oder persönlichem Vorteil. Ein Sonnenuntergang ist nicht deshalb schön, weil er das Ende des Arbeitstages signalisiert, sondern um seiner selbst willen. Kant betont, dass ästhetische Urteile, darüber, ob etwas schön ist, zwar subjektiv gefällt werden, aber einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Schönheit soll prinzipiell von allen Menschen empfunden werden können, da sie aus dem freien Spiel der geistigen Fakultäten entsteht. Zu diesem Spiel sind alle Menschen fähig, demnach ist Schönheit nicht rein privat, sondern verdient universelle Akzeptanz.

[Hierzu ist jedoch wichtig anzumerken, dass es zu Zeiten Kants (und Humes) einfach war, zu bestimmen, was schön war, da es einen ästhetischen Konsens gab. Heutzutage allgemein zugängliches ästhetisches Anschauungsmaterial (Fotografie, Kunstausstellungen etc.) existierte damals quasi nicht und somit war der Begriff der Ästhetik geprägt von einem kleinen Kreis von gebildeten Menschen (Adlige, Bildungsbürger, Pfarrer), welche sich über einen ebenso begrenzten Gegenstandsbereich verständigten (vgl. Eagleton, 2005)]

Übertragen wir diesen Begriff der Schönheit auf den Sport, so ergibt sich zunächst ein Problem. Der (Leistungs-)Sport ist seinem Wesen nach zweckgebunden. Wettkämpfe dienen dem Vergleich: Citius, altius, fortius. Sportliche Handlungen zielen auf Siege, Rekorde, Preisgelder, Ruhm oder Sponsorenverträge ab. Ihre Qualität wird oft allein am Ergebnis gemessen: der Weite eines Wurfes, der Farbe der Medaille, dem Erreichen von Rekorden. Nach Kants Kriterium der Zweckfreiheit scheint sportliche Bewegung damit eher in die Kategorie des „Guten“ zu fallen – sie ist funktional und zweckmäßig, aber nicht „schön“. Eine Bewegung, die vorrangig Mittel zum Zweck ist, verliert ihre ästhetische Reinheit.

Doch diese Sichtweise greift möglicherweise zu kurz. Betrachtet man die subjektiven Erfahrungen von Athlet:innen in ihren größten und Erfolg bringenden Momenten, so zeigt sich ein anderes Bild. Usain Bolt etwa erklärte rückblickend: „When I broke the world record, for me it was never about the world record. The first times I broke the world record, I wasn’t thinking about it.“ (EssentiallySports, 2023). Ähnlich beschreibt Hammerwerfer Merlin Hummel, dass er während seiner besten Wettkämpfe „im Zen-Modus” ist (Echo-Online, 2025). Solche Beschreibungen verweisen auf das vom ungarischen Sportwissenschaftler Mihály Csíkszentmihályi erforschte „Flow-Erlebnis“. Sportler:innen, die „im Flow“ sind, erleben ein Gefühl von Zeitlosigkeit und die Aufgabe erscheint mühelos, intuitiv und Dinge funktionieren einfach. In seinem Buch „Flow: The Psychology of Optimal Experience“ (2008) beschreibt Csíkszentmihályi „Flow“ wie folgt:

“A state in which people are so involved in an activity that nothing else seems to matter; the experience is so enjoyable that people will continue to do it even at great cost, for the sheer sake of doing it.”

Das Flow-Erlebnis wird in der Sportwissenschaft seit den 1990er Jahren erforscht und empirische Studien zeigen wiederholt Zusammenhänge zwischen „Flow“ und sportlicher Höchstleistung, besonders bei Spitzensportler:innen (Goddard et al., 2023; Jackson & Marsh, 1996; Swann, 2016). „Flow“ weist überraschende Parallelen zur daoistischen Idee des 无为 (wúwéi) auf. Wúwéi bedeutet wörtlich übersetzt „nicht tun“ und meint so viel wie das leichte, mühelose, intuitive und fließende Handeln im Einklang mit dem Dao, dem natürlichen Weg des Universums (Laotse & Penny, 2008).

Auch der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer liefert eine ähnliche Darstellung. Für ihn ist das ästhetische Erleben ein Moment der Befreiung vom Willen und Streben des Menschen, die sonst das Leben antreiben. In der Kunst und analog in der ästhetischen Bewegung tritt das Streben in den Hintergrund. Wenn wir ein Gemälde betrachten, Musik hören oder auch schöne Bewegung beobachten, hören wir, so Schopenhauer, auf, zu wollen (Schopenhauer, 2009).

Diese Perspektive erlaubt es, sportliche Bewegung als schön zu begreifen, selbst wenn sie äußerlich zweckorientiert erscheint. In den entscheidenden Momenten verlieren Athlet:innen das Ziel aus den Augen und genau dann entfalten ihre Bewegungen jene Leichtigkeit, die wir als erhaben und schön empfinden. Messwerte, Resultate und Konsequenzen treten in den Hintergrund. Die Qualität der Bewegung ist unmittelbar spürbar, noch bevor sie objektiv bewertet wird. So erweist sich sportliche Bewegung nicht nur als Medium der Leistung, sondern auch als Quelle ästhetischer Erfahrung und kann, und muss, unter bestimmten Bedingungen schön sein.

 

ABSATZ 3: MESSBARKEIT UND WAHRNEHMUNG

Die Feststellung Potter Stewarts – „I know it when I see it” – verweist auf eine bemerkenswerte Fähigkeit: Menschen scheinen ohne formale Kriterien oder detaillierte Analyse unmittelbar zu erkennen, ob eine Bewegung gelungen ist. Auch ohne Orientierungshilfe oder rigide Definition verfügen wir über ein erstaunlich einheitliches Gespür für die Qualität von Bewegungen. Selbst Laien, die keinerlei sport(wissenschaft)liche oder künstlerische Ausbildung haben, erkennen häufig sofort, ob eine Bewegung „schön“ ist. Diese Fähigkeit scheint kulturübergreifend verbreitet zu sein und weist auf tieferliegende, universelle Mechanismen der Bewegungswahrnehmung und -evaluation hin.

Einen einflussreichen Erklärungsansatz für dieses Phänomen lieferte der amerikanische Kunsttheoretiker und Philosoph Denis Dutton. In seinem Buch „The Art Instinct“ (2009) argumentiert er, dass ästhetische Präferenzen, auch wenn sie kulturell variieren, auf evolutionär verankerten, kognitiven Dispositionen beruhen. Er beschreibt Kunst als:

“[…] ways that human beings achieve pleasure by catering to cognitive preferences that were adaptive in the ancestral environment. Cheesecake speaks to innate pleasure preferences, but so does Wagner’s Der Ring der Nibelungen, though in ways that are rather more emotionally and intellectually complex.”

So wie süße, kalorienreiche Speisen uns instinktiv anziehen, so sprechen uns auch komplexe kulturelle Phänomene wie Musik, Malerei oder der Ausdruck körperlicher Fertigkeiten, wie ein Tanz, an.

Überträgt man diesen Gedanken auf Bewegung, so wird deutlich, dass Bewegungsästhetik als Ausdruck von Eigenschaften verstanden werden kann, die von evolutionärem Vorteil waren. Bewegungen, die Kraft, Ausdauer, Koordination oder Geschicklichkeit signalisieren, können, ähnlich wie das Radschlagen eines Pfaus, als Indikatoren für körperliche Fitness wirken. In der Argumentation der sexuellen Selektion (vgl. Darwin, 1871) könnten solche Bewegungen unbewusst als Signale für Gesundheit, Vitalität und damit reproduktive Fitness interpretiert werden (Fink et al., 2012; McCarty et al., 2013; Necka et al., 2019). Auch in der natürlichen Selektion spielte effiziente und koordinierte Bewegung eine Rolle: Die Fähigkeit, schnell zu laufen, präzise zu werfen und ökonomisch zu klettern, konnte in der Umwelt unserer Vorfahren über Leben und Tod entscheiden.

Neben diesen evolutionären Aspekten gibt es auch wahrnehmungspsychologische Faktoren, die erklären, warum bestimmte Bewegungen universell als ästhetisch empfunden werden. Studien zur Bewegungswahrnehmung zeigen, dass Menschen hochsensibel auf Symmetrie, Rhythmus und Energieminimierung reagieren. Bereits in den 1970er Jahren konnte Gunnar Johansson mit dem von ihm entwickelten „Point-Light-Display“-Experiment (Johansson, 1973) belegen, dass Menschen aus minimalen visuellen Informationen – nur wenigen Lichtpunkten, die an den Gelenken angebracht wurden – komplexe Bewegungsmuster nicht nur erkennen, sondern auch qualitative Unterschiede wahrnehmen können. Bewegungen, die harmonisch und gleichmäßig erscheinen, werden dabei tendenziell als schöner und „flüssiger“ bewertet als ruckartige und unkoordinierte Bewegungen. Im Alltag zeigt sich diese Fähigkeit zum Beispiel, wenn wir Bekannte oder Freunde auf Grund ihrer Bewegung schon aus weiter Ferne erkennen, auch wenn wir ihr Gesicht nicht sehen können (Blake & Shiffrar, 2007).

Neue empirische Arbeiten, wie die Studie von Chen et al. (2023), bestätigen diesen Eindruck. Die Forschenden zeigten, dass es unter Proband:innen einen hohen Grad an Übereinstimmung darin gab, wie „ästhetisch“ ein Gangbild beurteilt wird. Dies deutet darauf hin, dass die ästhetische Beurteilung von Bewegung nicht rein subjektiv oder beliebig ist, sondern auf universellen, vermutlich biologisch verankerten Wahrnehmungsmechanismen beruht.

Diese Erkenntnisse führen zu einer zentralen Schlussfolgerung: Schönheit in Bewegung ist weder ausschließlich eine Frage individuellen Geschmacks noch ein rein kulturelles Konstrukt. Vielmehr entspringt sie einer Schnittmenge aus evolutiver Selektion, biologischer Veranlagung und kognitiver Verarbeitung. Wenn wir eine sportliche Bewegung als „schön“ empfinden, erkennen wir darin, bewusst oder unbewusst, Muster, die Effizienz, Harmonie und Leistungsfähigkeit signalisieren. Damit verbindet sich die philosophische Idee Kants von der universellen Gültigkeit ästhetischer Urteile mit einer empirisch greifbaren Grundlage in menschlicher Biologie und Wahrnehmung.

 

ABSATZ 4: LEHRE VON BEWEGUNGEN

Nachdem in den vorangegangenen Abschnitten gezeigt wurde, dass sportliche Bewegung nicht nur zweckgebunden, sondern auch ästhetisch sein kann und muss, stellt sich die Frage nach der praktischen Relevanz für Training und Unterricht. Was auf den ersten Blick wie philosophische Spekulation wirken mag, hat in Wirklichkeit unmittelbare Konsequenzen für die Gestaltung von Bewegungsangeboten und den Lernprozess der Athlet:innen. Die Art und Weise, wie Bewegungen und Sport vermittelt werden, beeinflusst entscheidend, wie diese wahrgenommen, internalisiert und langfristig ausgeführt werden.

Ein Bereich, in dem qualitative Aspekte häufig zu kurz kommen, ist das Erlernen von Bewegungen (Kugler & Turvey, 2015; Schöllhorn, 2000). In der Praxis existiert oft eine klare Vorstellung davon, wie eine Bewegung „auszusehen hat“. Leitbild hierfür sind biomechanische Kennwerte, die sich leicht erfassen und darstellen lassen, so beispielsweise Gelenkwinkel, Abfluggeschwindigkeiten oder Schrittfrequenzen. Diese Parameter werden in Technikleitmodelle verdichtet, die ursprünglich als Orientierungshilfen gedacht waren, in der Trainingsrealität jedoch nicht selten zum normativen Ideal erhoben werden. Abweichungen werden als Fehler gehandelt, die es zu korrigieren gilt. Moderne Aufnahmetechnologien und digitale Analysewerkzeuge erleichtern das Erkennen solcher „Fehler“ erheblich (Liebermann et al., 2002; Bartlett, 2007); Schon ein handelsübliches Smartphone kann Bewegungen in Zeitlupe erfassen und mit einfachen Mitteln, wie Apps, biomechanische Daten berechnen (Hribernik et al., 2022).

So nützlich diese Instrumente sind, bergen sie doch die Gefahr einer Überbetonung des Messbaren. Selbst physikalische Gesetzmäßigkeiten, wie beispielsweise die Schwerkraft, so unverzichtbar sie für das Verständnis sportlicher Bewegungen sind, sind an sich nur abstrakte mathematische Beschreibungen bestimmter Teilaspekte der Natur. Die biomechanischen Daten, Technikmodelle und KI-gestützten statistischen Analysen mögen die sportliche Leistung zwar erklären, doch wir müssen sie dennoch betrachten, erfahren und über sie nachdenken. Die Schwachpunkte und Unzulänglichkeiten von Modellen habe ich bereits in einem anderen Blogeintrag ausführlicher dargestellt.

Das Lehren von Bewegungen gilt zurecht als eine der zentralen Aufgaben von Trainer:innen. Doch auch hier dominieren in vielen Ausbildungssystemen reduktionistische und teilweise veraltete Modelle motorischen Lernens (Davids et al., 2008; Schöllhorn et al., 2009). Methodische Übungsreihen, Drills und das sukzessive Einschleifen von Teilbewegungen bilden häufig den Konsens darüber, wie Technikvermittlung „funktionieren“ sollte. Dabei setzen solche Ansätze den Fokus auf Akquisition, also der Aneignung, nicht aber auf das Lernen von Bewegungen. Akquisition beschreibt das vorübergehende Beherrschen einer Bewegungsausführung, während Lernen eine nachhaltige Veränderung der Handlungskompetenz bezeichnet, die auch nach längerer Pause abrufbar bleibt (Magill & Anderson, 2021; Schmidt & Lee, 2020). Lernen ist mehr als nur akute und kurzfristige Leistungssteigerung.

Das Problem klassischer Vermittlungsansätze ist einfach zu verdeutlichen: Nach einem Training, beispielsweise zum Erlernen der Kugelstoßtechnik, sieht es bei vielen Athlet:innen schon gut aus. Sie können die erarbeitete Technik abrufen. Zu Beginn der nächsten Trainingseinheit fallen sie jedoch häufig zurück auf ihr Ausgangsniveau. Durch das klassische Training können die Athlet:innen eine Kugel stoßen, haben aber nicht Kugelstoßen gelernt und sind nicht zu Kugelstoßer:innen geworden. Sie haben sich die Technik angeeignet, sie jedoch nicht gelernt. Diese gute Aneignungsrate mit fehlendem Lerneffekt ist charakteristisch für viele klassisch angewandte Lehrmethoden. Das schrittweise Erlernen von Teilbewegungen verhält sich hier wie das Auswendiglernen vom Wörterbuch, um eine neue Sprache zu lernen (Neveu et al., 2025).

Ein Blick auf natürliche Lernprozesse verdeutlicht den Unterschied. Kinder lernen Laufen, Sprechen und Fahrradfahren nicht durch methodische Übungsreihen oder detaillierte biomechanische Erklärungen, sondern durch reichhaltige, kontextbezogene Erfahrung in einem positiven Lernumfeld (Bruner, 1978; Thelen, 1995; Gibson, 2014). Die wenigsten Eltern bringen ihren Kindern aktiv bei, Smartphones zu benutzen oder Videospiele zu spielen, dennoch entwickeln sie enorme Kompetenzen, häufig zur Missgunst der Eltern (ausgenommen der neue W-Lan-Router muss eingerichtet werden). Sie sammeln Bewegungs- und Sinneseindrücke, erproben Handlungen variabel und passen diese iterativ an. Dieser Lernprozess ist von Neugier, Spiel und intrinsischer Motivation getragen – Faktoren, die auch im sportlichen Bewegungslernen von zentraler Bedeutung sind (Ford et al., 2009; Wormhoudt et al., 2017). Lernen ist für Kinder ein natürlicher, intuitiver und unterbewusster Prozess, frei von all den Methoden und Theorien, die als optimal gelten, um besser zu lernen.

Überträgt man dieses Prinzip auf die Trainingspraxis, ergeben sich klare Konsequenzen: Athlet:innen sind nicht als „biomechanische Roboter“ zu begreifen, die Input (Instruktionen, Drills etc.) in Output (Leistung) umwandeln, sondern als aktiv handelnde Subjekte im Lernprozess (Davids, 2014; Davids et al., 2013). Effektives Training ist etwas, das man mit ihnen, nicht an ihnen durchführt. Training und Bewegungslernen sollten ein interaktiver Prozess sein, der von den Athlet:innen mitgestaltet wird. Schlussendlich sind sie es, die sich das Verständnis der Bewegung aneignen und zu eigen machen müssen. Jemandem zu erklären, wie sich eine stabile linke Achse im Hammerwurf anfühlt, der noch nie einen Hammer in der Hand hatte, ist genauso vergebens wie jemanden Schmetterlinge im Bauch zu erklären, der noch nie verliebt war. Gute Technik vermitteln bedeutet in diesem Sinne, ein gutes Bewegungsgefühl zu vermitteln. Die subjektive Erfahrung der Bewegung wird zum entscheidenden Bezugspunkt. Hierbei kann eine einfache Frage mitunter mehr bewirken als komplexe Videoanalysen: „Wie hat sich das angefühlt?“. Dieses Gefühl von guter Bewegung ist eine dynamische Qualität, die sich nicht einfach fassen, beschreiben und kommunizieren lässt. Man muss es erlebt haben. „Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu.” lautet ein Zitat von John Locke (Locke, 1948). Nichts ist im Intellekt, was nicht vorher in den Sinnen war.

Damit wird deutlich: Unsere Aufgabe als Trainer:in oder als Lehrer:in ist nicht primär die Weitergabe von abstrakten Modellen, sondern das Ermöglichen konkreter Erlebnisse guter Bewegung; die Vermittlung von Bewegungsgefühl (Jones, 2006; Newman et al., 2018; Robertson & Woods, 2021). Dabei ist Qualität in der Bewegung weder ausschließlich objektiv noch rein subjektiv, sondern die gelebte Integration von Ästhetik und Mechanik. Form, Funktion, Intention und Emotion - all das sind wichtige Bestandteile von guter Bewegung. Und wenn all diese Dimensionen in Balance sind und harmonisieren, wie etwa beim Wurf von Merlin Hummel in Fränkisch Crumbach, dann kann Bewegung gar nicht anders, als schön zu sein.

 

ABSATZ 5: FAZIT

Bewegung entsteht, in einem (leistungs)sportlichen Kontext, mit Ausrichtung auf ein Ziel. Rennen sollen gewonnen, Bestleistungen gebrochen und Sponsoren akquiriert werden. Bewegung ist somit zweckorientiert. Um diese Zwecke zu erfüllen, muss Bewegung effektiv sein. Effektivität ohne Effizienz ist jedoch eine Zeitbombe, die irgendwann explodiert und Verletzungen, Burnout und den Verlust des Wohlgefallens an sportlicher Bewegung hinterlässt (Elphinston, 2008; Schöllhorn et al., 2009; Burns et al., 2020).

Effizienz ist deshalb kein Luxus, sondern die Basis jeder dauerhaften Leistungsfähigkeit (Sparrow, 1983; Davids et al., 2008). Bewegung kann nur dann wirklich effizient sein, wenn sie um ihrer selbst willen durchgeführt wird. Zwecke sind dabei per se essenziell für die Entstehung der Bewegung, jedoch nicht als raison d’être dieser zu verstehen (Berghahn & Schiller, 2000). Die Sehnsucht nach dem Gipfel des Berges ist nur wichtig, weil sie das Bergsteigen rechtfertigt. Diese notwendige Effizienz äußert sich als ästhetische Qualität von Bewegung, als Schönheit; Bewegung muss schön sein (Merleau-Ponty, 2013).

Der Weg zur Leistung führt daher nicht über bloßes Anhäufen von Trainingsreizen oder das stumpfe Einschleifen technischer Muster, sondern über Qualität. Athlet:innen langfristig zu fördern heißt also, nicht nur das schnelle Erreichen von Zielen im Blick zu haben, sondern die Förderung eines holistischen Bewegungsverständnisses, das sich auf gelebter Erfahrung, Empfindung und Erleben gründet (Jones, 2006; Renshaw et al., 2019; Wormhoudt et al., 2017). Das gelingt nur, wenn wir uns loslösen von reduktionistischen und mechanischen Entwicklungsmodellen, die Athlet:innen nur als Maschinen verstehen, die Trainingsreize verarbeiten, und die sich bewegenden Personen als die komplexen Systeme anerkennen, die sie sind (Davids et al., 2008, 2013; Schöllhorn, 1999, 2000).

 

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