Nahrungsergänzungsmittel

Wie gefährlich sind sie? Funktionieren sie überhaupt?

Immer wieder, sei es im Gespräch mit Eltern oder Trainer:innen, kommt das Thema von Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) auf. Die Meinungen über NEM sind unterschiedlich und reichen von Allheilmitteln bis hin zu gefährlichen Substanzen. Dennoch sind sie bei Leistungssportlern und (wahrscheinlich noch stärker) im Breitensport schon längst etabliert. Früher oder später werden Athlet:innen, Trainer:innen und Eltern also mit dem Thema konfrontiert werden, weswegen hiermit ein bisschen Klarheit in die Thematik gebracht werden soll.

Interessenkonflikt

Ich möchte offen darlegen, welche Nahrungsergänzungsmittel ich selbst nutze. Es handelt sich hier weder um ein Sponsoring noch die Empfehlung eines bestimmten Produktes oder einer Marke. Das Offenlegen dient allein der Transparenz. Wie diese Information eingeordnet wird, ist jedem selbst überlassen.

Abbildung 1: (von links nach rechts) Kollagen, Zink, Koffein, Whey Protein, Kreatin, Kohlenhydrate-Protein-Mix, Elektrolyte

Was sind eigentlich Nahrungsergänzungsmittel?

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) beschreibt sie als Lebensmittel, die „u.a. Vitamine, Mineralstoffe und andere Stoffe mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung“ enthalten und oftmals als Tabletten, Kapseln oder in Pulverform angeboten werden [1]. Diese Beschreibung liest sich wie eine KI-generierte Antwort – sie hört sich nachvollziehbar an, aber es mangelt an inhaltlicher Präzision und Klarheit. Dass hier so viel um den heißen Brei herumgeredet wird, liegt daran, dass eine genauere Definition kaum möglich ist. Was genau in den Dosen und Kapseln tatsächlich drin ist, muss bei NEM auch gar nicht so richtig bekannt sein, weder dem BVL noch dem Hersteller und erst recht nicht den Konsumenten. Da NEM Lebensmittel sind, bedarf es keiner Prüfung oder Genehmigung, um sie auf den Markt zu bringen [2]. Für die Wirksamkeit und Qualität des Produkts, auch in Hinsicht auf ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit, ist der Hersteller bzw. Händler verantwortlich.

Natürlich gibt es auch ein paar Einschränkungen, die das Leben von NEM-Produzenten schwer machen. Neuartige Lebensmittel bzw. Lebensmittelzutaten (solche, die es vor 1997 nicht als Zutat in Lebensmitteln gab) müssen von der EU zugelassen werden [3]. Darunter fallen z.B. Formen von Vitamin D oder auch Eisen und Magnesium Mineralstoffverbindungen. Des weiteren muss der Hersteller, um ein NEM zu verkaufen, den Namen des Produkts und des Herstellers, sowie einen Entwurf des Etiketts in einem Online-Formular an das BVL übermitteln. Wie einfach es ist ein NEM auf den Markt zu bringen, wird in diesem Video [4] sehr schön demonstriert. Sollte dieser Antrag mal vergessen werden, so wie es relativ häufig vorkommt, ist das aber nicht so schlimm und stellt lediglich eine Ordnungswidrigkeit dar. Die Inhaltsstoffe von NEM sollen zwar eine Wirksamkeit aufweisen, NEM an sich dürfen aber weder arzneilich wirksam sein noch den Eindruck eines Arzneimittels erwecken. Die jeweiligen Produktgruppen voneinander zu unterscheiden ist aber bei weitem keine leichte Aufgabe, unter anderem auch, da sie häufig nebeneinander auf denselben Regalen verkauft werden.

Abbildung 2: Arznei- oder Nahrungsergänzungsmittel?

Sind die NEM dann mal auf dem Markt, so kann stichprobenartig eine Kontrolle erfolgen. Die Verantwortung liegt hier bei den jeweiligen Landesüberwachungsbehörden, die mit begrenzten Kapazitäten und logistischen Problemen zu kämpfen haben. Kommt es in Einzelfällen tatsächlich zu Gerichtsurteilen, so dauern diese häufig lange, um in Kraft zu treten und das fragliche NEM darf währenddessen weiterhin (oft jahrelang) verkauft werden. Wenn man sich nun vorstellt, dass junge globale Influencer mit ihren TikTok Kanälen, auf welchen häufig Produkte beworben und verkauft werden, gegen die Mühlen der deutschen Behörden ankämpfen, dann braucht man nicht viel Fantasie, um sich denken zu können, wer diesen Kampf gewinnt.

Welche NEM funktionieren?

Angesichts der hohen Prävalenz von NEM, vor allem im Sport [5], stellt sich natürlich die Frage, ob es überhaupt NEM die funktionieren. Die Antwort ist ja, aber weniger überzeugend, als man wahrscheinlich vermutet. Zum einen ist die Anzahl der tatsächlich nachgewiesen wirksamen NEM extrem klein. Laut einer Konsenserklärung des IOC aus dem Jahr 2018 können nur fünf NEM als legitimer Bestandteil in der Vorbereitung von Athlet:innen angesehen zu werden: Koffein, Kreatin, Sodium Bicarbonat (Backpulver), Beta-Alanin und Nitrat [6]. Alle anderen NEM, die man auf dieser Liste möglicherweise vermisst, verfügen über nicht über eine ausreichende wissenschaftliche Grundlage, die ihre Nützlichkeit belegen. In Hinsicht auf wissenschaftliche Evidenz, sollten auch die fünf, die es auf die Liste geschafft haben hinterfragt werden, in Angesicht der generellen Qualität und Reproduzierbarkeit der Ergebnisse von sportwissenschaftlichen Studien [7].

Auch wenn nachgewiesen ist, dass diese NEM die Leistungsfähigkeit positiv beeinflussen, so steht immer noch die Frage im Raum, wie relevant diese Verbesserung der Leistung für den einzelnen Athlet bzw. die einzelne Athletin ist [8]. Häufig sind die Effekte so gering, dass sie lediglich im Kontext eines Höchstleistungstraining zu einer „brauchbaren“ Leistungssteigerung führen [9]. Das Einnehmen von NEM ist in vielen Fällen vergleichbar effektiv, wie sich, um aerodynamischer zu sein, vorm Marathon eine Glatze zu rasieren. Die Übertragbarkeit von Forschungsergebnissen auf die Population von Nachwuchsathlet:innen ist ebenfalls nicht gegeben, da viele der existenten Studien an erwachsenen Athlet:innen durchgeführt wurden [10]. Vor allem im Aufbau- und Nachwuchstraining gibt es deutlich größere Stellschrauben, an denen noch gedreht werden kann.

Risiken und wie man sie mindern kann

Realistischerweise muss man also davon ausgehen, dass in NEM nicht das drin ist, was draufsteht und, dass viele, wenn nicht sogar die meisten NEM nicht sicher sind. Der tatsächlich sicherste Weg wäre also, keine NEM einzunehmen. Dass auf NEM verzichtet wird, vor allem im Kontext von ambitionierten Athlet:innen und im Angesicht der Tatsache, dass NEM wie Proteinpulver, Kreatin, etc. inzwischen schon bei Discountern problemlos käuflich erwerbbar sind, ist eher unwahrscheinlich. Der Wunsch nach Verbesserung der Leistung trifft durch das verlockende Versprechen von NEM einer bequemen und simplen Lösung auf sehr fruchtbaren Boden. Wir alle haben limitierte Ressourcen. Durch NEM mit minimalem Einsatz einen Performance-Boost zu bekommen, scheint das Risiko wert zu sein. Dieses Vertrauen in eine externe Lösung, kann aber dazu beitragen uns von den wichtigeren Grundlagen abzulenken. Decken wir unseren erhöhten Eiweißbedarf durch Proteinpulver, so vergessen wir wohlmöglich eine ausgewogene Ernährung und Koffein hilft uns unsere schlechten Schlafgewohnheiten zu vertuschen. Das Risiko von NEM liegt also nicht nur primär an einer sehr wahrscheinlichen Verunreinigung, sondern auch darin unsere Werte in Bezug auf Training und Ernährung zu verschieben [11]. Ob diese Verschiebung des Werteverständnisses so stark sein kann, dass z.B. andere illegale leistungssteigernde Methoden in Betracht gezogen werden, ist eine Frage die durchaus gestellt (wenn auch nicht von mir beantwortet) werden kann [12].

Das IOC hat sich in einer Konsenserklärung zur sportlichen Entwicklung junger Sportler:innen klar positioniert [13]. Die Auto:innen schreiben, dass es „unangemessen und inakzeptabel“ sei „, jungen Sportler:innen die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln zur Leistungssteigerung zu empfehlen“. Meine persönliche Meinung ist, dass Aufklärung und ein bewusster Umgang mit NEM die wahrscheinlich praktikablere Option ist als ein striktes Verbot. So mag es vor einigen Jahren noch so gewesen sein, dass Informationen über NEM primär von den Trainer:innen kamen und der Zugang zu NEM durch die Eltern ermöglicht wurde. Heutzutage sind aber, wie bereits erwähnt, NEM extrem einfach käuflich zu erwerben und eine Flut von (Mis)Informationen aus dem Internet und auf sozialen Medien stellen eine Problematik dar, die wahrscheinlich unmöglich zu eliminieren, wohlmöglich aber durch angemessene Aufklärungsarbeit, eindämmbar und in Kontext setzbar ist. Zudem gibt es einige Hilfsmittel, die bei der „sicheren“ Konsumierung von NEM helfen können. Bekannt ist die Kölner Liste [14]. Die Kölner Liste führt, u.a. auch in Kooperation mit der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA), Produkte auf, die auf Dopingsubstanzen getestet wurden. Hier kann man entweder nach bestimmten Produktkategorien suchen, um getestete Hersteller zu finden, oder konkret Produkte suchen, um zu sehen, ob diese getestet wurden. So kann man zum Beispiel herausfinden, dass das Clear Whey mit Blackberry Geschmack vom ALDI ohne Beanstandung die Labor-Analyse überstanden hat [15]. Wichtig ist aber, dass auf die entsprechende Chargen-Nummer geachtet wird. Nur diese Produkte sind auch tatsächlich geprüft. Noch wichtiger ist aber, dass die Schuld, im Falle eines positiven Dopingtests, immer bei den Athlet:innen selbst liegt. Im Anti-Doping-Gesetz (Artikel 2.1.1) gilt nämlich das Prinzip der strikten Eigenverantwortung („Strict Liability“) [16]. Der Hersteller kann gegeben falls zwar strafrechtlich belangt werden, der Dopingverstoß liegt trotzdem formal bei den Athlet:innen. Das mit NEM verbundene Risiko kann also immer nur reduziert jedoch nie eliminiert werden.

Fazit: Soll ich/mein Athlet/mein Kind NEM nehmen?

Die inhärenten Risiken der Einnahme von NEM, wie beispielsweise eine Verunreinigung, wenn auch durch bewussten Umgang reduzierbar, tragen gravierende Konsequenzen mit sich. Der Nutzen von NEM ist in den meisten Fällen nicht gegeben und hauptsächlich erst ab einem hohen sportlichen Niveau von Relevanz. Eine ausgewogene Ernährung und ein angemessenes Training stellen sichere und geeignete Möglichkeiten dar Trainingsziele, auch ohne Wundermittel, zu erreichen. Schlussendlich liegen die Entscheidung und Verantwortung bei den Athlet:innen. Unsere Aufgabe sollte es sein, unseren Athlet:innen ein Umfeld zu bieten, in dem eine externe Unterstützung vielleicht gar nicht als notwendig angesehen oder zumindest reflektiert und informiert betrachtet werden kann.

Literatur

1 BVL - Nahrungsergänzungsmittel. (n.d.). Retrieved January 12, 2026, from https://www.bvl.bund.de/DE/Arbeitsbereiche/01_Lebensmittel/04_AntragstellerUnternehmen/03_NEM/lm_nahrungsErgMittel_node.html

2 Was sind Nahrungsergänzungsmittel rechtlich gesehen? | Verbraucherzentrale.de. (2025, July 30). https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/projekt-klartext-nem/informationen/rechtliches/allgemeine-rechtliche-aspekte-zu-nahrungsergaenzungsmitteln-13248

3 Neuartige Nahrungsergänzungsmittel | Klartext Nahrungsergänzung. (2025, March 17). https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/nahrungsergaenzungsmittel/neuartige-nahrungsergaenzungsmittel-59408

4 Nahrungsergänzungsmittel—Sinnlos bis gefährlich. (n.d.). ZDF. Retrieved January 12, 2026, from https://www.zdf.de/video/shows/mai-think-x-die-show-102/maithink-x-folge-21-100

5 Garthe, I., & Maughan, R. J. (2018). Athletes and Supplements: Prevalence and Perspectives. International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism, 28(2), 126–138. https://doi.org/10.1123/ijsnem.2017-0429

6 Maughan, R. J., Burke, L. M., Dvorak, J., Larson-Meyer, D. E., Peeling, P., Phillips, S. M., Rawson, E. S., Walsh, N. P., Garthe, I., Geyer, H., Meeusen, R., van Loon, L., Shirreffs, S. M., Spriet, L. L., Stuart, M., Vernec, A., Currell, K., Ali, V. M., Budgett, R. G. M., … Engebretsen, L. (2018). IOC Consensus Statement: Dietary Supplements and the High-Performance Athlete. International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism, 28(2), 104–125. https://doi.org/10.1123/ijsnem.2018-0020

7 Murphy, J., Caldwell, A. R., Mesquida, C., Ladell, A. J. M., Encarnación-Martínez, A., Tual, A., Denys, A., Cameron, B., Van Hooren, B., Parr, B., DeLucia, B., Mason, B. R. J., Clark, B., Egan, B., Brown, C., Ade, C., Sforza, C., Taber, C. B., Kirk, C., … Warne, J. P. (2025). Estimating the Replicability of Sports and Exercise Science Research. Sports Medicine (Auckland, N.Z.), 55(10), 2659–2679. https://doi.org/10.1007/s40279-025-02201-w

8 Kim, J., & Kim, J. (2019). Nutritional Supplement for Athletic Performance: Based on Australian Institute of Sport Sports Supplement Framework. Exercise Science, 28(3), 211–220. https://doi.org/10.15857/ksep.2019.28.3.211

9 Peeling, P., Castell, L. M., Derave, W., Hon, O. de, & Burke, L. M. (2019). Sports Foods and Dietary Supplements for Optimal Function and Performance Enhancement in Track-and-Field Athletes. International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism, 29(2), 198–209. https://doi.org/10.1123/ijsnem.2018-0271

10 De Zan, D., Eletti, F., Fiore, G., Di Girolamo, E., Bozzini, G. G. M., Perico, V., Tosi, M., Norsa, L., Zuccotti, G., & Verduci, E. (2025). Use of Nutritional Strategies, Bioactive Compounds, and Dietary Supplements in Young Athletes: From Evidence to Potential Risks—A Narrative Review. Nutrients, 17(13), 2194. https://doi.org/10.3390/nu17132194

11 Skilbred, A., Strandbu, Å., & Loland, S. (2025). Youth athletes’ framing of nutritional supplements: Performance enhancement and food. International Review for the Sociology of Sport, 60(1), 45–63. https://doi.org/10.1177/10126902241260923

12 Diehl, K., Thiel, A., Zipfel, S., Mayer, J., Schnell, A., & Schneider, S. (2012). Elite adolescent athletes’ use of dietary supplements: Characteristics, opinions, and sources of supply and information. International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism, 22(3), 165–174. https://doi.org/10.1123/ijsnem.22.3.165

13 Bergeron, M. F., Mountjoy, M., Armstrong, N., Chia, M., Côté, J., Emery, C. A., Faigenbaum, A., Hall, G., Kriemler, S., Léglise, M., Malina, R. M., Pensgaard, A. M., Sanchez, A., Soligard, T., Sundgot-Borgen, J., Mechelen, W. van, Weissensteiner, J. R., & Engebretsen, L. (2015). International Olympic Committee consensus statement on youth athletic development. British Journal of Sports Medicine, 49(13), 843–851. https://doi.org/10.1136/bjsports-2015-094962

14 KG, H. G. & C. (n.d.-a). Kölner Liste—Startseite. Retrieved January 12, 2026, from https://www.koelnerliste.com/

15 KG, H. G. & C. (n.d.). Produkt. Retrieved January 12, 2026, from https://www.koelnerliste.com/produkt/aldi-sports-clear-whey-blackberry-brombeere

16 Cooper, M.-A. (n.d.). ARTICLE 2  ANTI-DOPING RULE VIOLATIONS.

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