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Über Musik und sportliche Bewegung
Gedanken über Rhythmus, Bewegung und Ausdruck

Sport und Musik sind auf den ersten Blick zwei verschiedene Welten. Die eine scheint mess- und quantifizierbar, während die andere sich durch Qualität auszeichnet und primär hörbar ist. Auf der einen Seite stehen Meter, Sekunden und Punkte, auf der anderen Töne, Phrasen und Klänge. Und doch haben sie eine wichtige Gemeinsamkeit: Beide werden erst durch Bewegung verwirklicht. Eine Partitur ist noch keine Musik, so wenig wie ein Trainingsplan oder eine biomechanische Bewegungsbeschreibung eine sportliche Leistung ist. Erst im Vollzug, in der körperlichen Bewegung, entsteht das eigentliche musikalische beziehungsweise sportliche Geschehen. Weder die Brillanz von Mahlers Adagietto noch die Eleganz eines Speerwurfs ist vollständig im bloßen Schriftbild sichtbar. Ohne die aktive Ausführung existieren sie genauso wenig wie der Kuchen durch das Niederschreiben des Rezepts.
Noten und Zahlen sind nur Spuren eines Geschehens, wie Fußabdrücke entlang eines Pfades. Musik beziehungsweise Musikalität, genauso wie (sportliche) Bewegung, zeichnen sich primär durch ihren essenziell temporären Charakter aus. Das Spielen von Noten in der richtigen Reihenfolge, jedoch ohne passenden zeitlichen Bezug zu anderen Noten, lässt vielleicht das Stück erkennen, klingt jedoch nicht stimmig. Ebenso hat das Aneinanderreihen von isolierten Teilbewegungen möglicherweise eine zuordbare Isomorphie zur Zielbewegung, eine topologische Vergleichbarkeit, ist aber kein zusammenhängender Ausdruck des gesamten Körpers, der gekonnte sportliche Bewegung auszeichnet. Vergleicht man Bewegung mit einem Orchester, so wird klar, dass fähige Bewegung kein Solo ist, sondern eine Symphonie. Kein einzelner Muskel und keine Teilbewegung sind ausschlaggebend für das Gesamtergebnis, sondern das Zusammenspiel des großen Ganzen.
„Rhythmus ist die Basis des Lebens“, schreibt die Philosophin Susanne Langer (1953). Ebenso sagte der Meistertrommler und Komponist Babatunde Olatunji: „Wo ich herkomme, sagt man, dass Rhythmus die Seele des Lebens ist, denn das ganze Universum dreht sich um den Rhythmus – und wenn wir aus dem Rhythmus geraten, dann bekommen wir Probleme.“ Der Rhythmus bietet eben diese notwendige temporale Struktur, aus der heraus sich die physische Bewegung manifestiert, sei es beim Geigespielen oder beim Hammerwerfen. Eine rhythmische Bewegung wirkt harmonisch. Viele Bewegungen gelingen nur dann, wenn sie rhythmisch stimmig sind. Ein Wurf, ein Sprung oder ein Lauf sind nicht bloße Maximalkraft, sondern zeitlich organisierte (koordinierte) Kraft. Die Qualität der Bewegung hängt nicht von der quantitativen Summe der Bestandteile ab, sondern vom Wechselspiel von Beschleunigen und Bremsen, Anspannung und Entspannung, Einwirken und Nachgeben, laut und leise. Kein Wunder also, dass viele professionelle Athlet:innen wie beispielsweise die Diskuswerferin Valarie Sion oder auch zu seiner Zeit Arnold Schwarzenegger von einer tänzerischen Ausbildung, von Bewegung im Einklang mit Musik, profitieren konnten. Und auch hier wieder: Rhythmus kann zwar vorgegeben, muss aber erlebt werden. Rhythmusgefühl entsteht nur durch Erleben und Spüren, nicht durch das stumpfe Einschleifen von Tempi. Zudem zeigt sich in der jeweils individuellen Interpretation des Rhythmus, so wie es beispielsweise bei Musikern der Fall ist, die Genialität des eigenen Tuns und die bewusste Einordnung des eigenen Handelns in der Landschaft des Seins. Wer den Rhythmus spürt, kann Zeit verkörpern.
Was bedeutet das für die Praxis? Diese Perspektive wirft zunächst die Frage auf, wie zuträglich das wiederholte Spielen einer Notenleiter ist, um später die Melodie eines Stücks interpretieren zu können. Genauso fraglich ist es, wie sinnvoll das Einschleifen von Teilbewegungen ist, um eine sportliche Bewegung gekonnt auszuführen. Mit Hilfe der Metapher des Orchesters kann ebenfalls die Beziehung zwischen Athlet:innen und Trainer:innen verstanden werden. Die Dirigent:innen können zwar den Takt vorgeben, dieser muss aber von den Musiker:innen aufgenommen, beantwortet und im gemeinsamen Spiel zu Klang gebracht werden. Gute Anleitung erzeugt also Resonanz zwischen den einzelnen Akteuren in der Umwelt, in Bezug auf Intention, Wahrnehmung und Ausführung.
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