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Ziegen, künstliche Intelligenz und das Sein
Eine philosophische Reflexion

Ein kurzes Vorwort:
W.C. Fields hat einmal gesagt, dass das Universum aus drei Elementen besteht: Sauerstoff, Stickstoff und Pferdemist. Philosophen haben dieses dritte Element bei ihrem Streben nach einer allgemeinen Beschreibung des Universums nicht vernachlässigt. Leser:innen dieses Textes wurden also gewarnt.
Vergangene Woche habe ich größtenteils in Köln verbracht. Dort durfte ich das vierte Modul der Nachwuchstrainer:innenausbildung der Trainerakademie Köln besuchen. Im Rahmen der Ausbildung, welche sich sportartunspezifisch auf das Training von Nachwuchssportler:innen im Aufbau- und Anschlusstraining spezialisiert, werden eine Vielzahl von unterschiedlichen Themen behandelt. In diesem Modul ging es unter anderem um Technologien im Sport, Testverfahren, psychische Gesundheit von Athlet:innen und Nachhaltigkeit. Ein breites Spektrum an Inhalten, welche, so scheint es auf den ersten Blick, nicht viel miteinander zu tun haben. Meiner Meinung nach gibt es aber doch etwas, was diese Fragmente vereint und das Gesamtmodul als solches kohärent erscheinen lässt. Dieses Etwas ist ein Mann namens Martin Heidegger.
Martin Heidegger war einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts und sein Magnum Opus „Sein und Zeit“, welches 1927 veröffentlicht wurde, gilt immer noch als eines der einflussreichsten Werke der modernen Philosophie.
(Heideggers Vermächtnis wird durch seine Verbindung zum Nationalsozialismus, sowie später veröffentlichte antisemitische Aussagen, welche er weder abstritt noch öffentlich bereut hat, überschattet. Dennoch bleiben die Ideen Heideggers für den kontemporären philosophischen Diskurs relevant, wenn auch mit einem bitteren Beigeschmack.)
Heidegger beschäftigte sich vor allem mit der Ontologie; der Lehre vom Sein. Die Fragen die Heidegger stellte, fokussierten sich also primär darauf, was es bedeutet zu sein, oder in seinen Worten, der Seinsfrage. Viele von uns nehmen unbedacht in Kauf, dass Dinge sind. Angenommen man macht einen Ausflug in einen Streichelzoo und lernt dort eine Ziege kennen. Die Existenz der Ziege scheint selbstverständlich zu sein. Schließlich sehe ich sie vor mir, höre ich ihr Meckern und spüre, wie ihre Zunge gierig die Futterpellets von meiner Hand schlabbert. Aber was genau ist diese Existenz? Ist sie eine inhärente Eigenschaft der Ziege? Welche Kriterien nutzen wir, um Existenz festzustellen? Nachdem wir nach Hause gefahren sind, sehe ich die Ziege nicht mehr und kann sie weder hören noch fühlen. Auch ihr Geruch wird nach einigen Wochen und Waschgängen aus meinem Pullover verschwinden. Das Einzige, was bleibt ist die Erinnerung an die Ziege. Aber irgendwann denke ich vielleicht nicht mehr an die Ziege, hört sie dann auf zu existieren? Wenn man mal darüber nachdenkt, wo genau liegt der Unterschied zwischen dem Gedanken an die Ziege und der Ziege an sich? Und wie ist es möglich, dass Dinge, seien es Ziegen oder Gedanken, überhaupt existieren?
Ich kann verstehen, dass ich hier wahrscheinlich schon den Großteil der Leserschaft verloren habe und die, die noch hier sind fragen sich: „Wie genau hat das einen Einfluss auf mein tatsächliches Leben?“, „Wieso sind solche Gedanken wichtig für mich?“ und: „Kannst du bitte endlich aufhören von dieser Ziege zu reden!“
Martin Heidegger wäre vollster Überzeugung, dass eben solche ontologischen Fragen die wichtigsten Fragen der Philosophie sind. Wieso und welchen tatsächlichen Nutzen sie für unser alltägliches Leben haben können, werde ich versuchen im Folgenden zu erklären.
Eine Methode, die Menschen von Aristoteles über Descartes bis zur heutigen Zeit genutzt haben, um Dinge (wie beispielsweise eine Ziege) zu definieren, ist das Ding auf seine konstituierenden Eigenschaften herunterzubrechen. So definierte Plato bekannterweise einen Menschen als „ungefiederten Zweibeiner“, woraufhin Diogenes der Zyniker prompt mit einem gerupften Hühnchen hereinstürmte und verkündete „Seht her, ein Mensch!“. Wir können also auch hier schon sehen, dass es gar nicht so einfach ist Dinge auf ihre Essenz zu reduzieren. Der Unterschied zwischen einer Ziege und einem Elefanten oder einem Jumbo-Jet ist deutlich. Woran aber unterscheidet man eine Ziege und eine Antilope? Oder eine Ziege und eine Gams? (Die Biolog:innen in der letzten Reihe dürfen gerne ihre Hand wieder runternehmen. Ich weiß, dass ihr die Antwort kennt, die ist aber gerade irrelevant.)
Zurück zur Definition eines Menschen. Über eine genaue Definition lässt sich also streiten. Worüber sich die meisten Denker aber einig sind, ist, dass wir Menschen bewusste Wesen sind, die in einer Welt existieren. Wir unterscheiden uns also von dieser externen Welt in einer Subjekt-Objekt-Relation. Als beispielsweise Descartes zu seiner berühmten Schlussfolgerung: "Je pense, donc je suis" („Ich denke, also bin ich.“) kam, basierte seine Annahme der Existenz darauf, dass er ein denkendes Etwas ist. Heidegger würde Descartes hier unterbrechen und sagen: „Halt, Stopp! Du hast einen extrem wichtigen Schritt übersprungen René. Die erste Erfahrung, die du von deiner Existenz haben kannst, ist nicht die, dass du denkst. Die Tatsache, dass du zu einer solchen Abstraktion fähig bist, bedarf etwas davor. Deine tatsächlich erste Erfahrung ist die, dass du einfach bist.“ Heidegger beschreibt diesen initialen Zustand als Dasein.
In diesem Dasein sind wir nicht bewusste Subjekte, die sich in einer objektiven externen Welt bewegen. Unsere Existenz und die Welt sind ein vereintes Ding. Existenz bedeutet immer schon ein In-der-Welt-sein. Das heißt wir können nicht sinnvoll von uns reden, ohne zugleich die Welt mitzudenken, in der wir uns je schon befinden. Zwar bezieht Heidegger den Begriff des Daseins ausschließlich auf Menschen, dennoch sind wir zugleich eingebettet in ein Ganzes von Seiendem, zu dem ebenso Tiere, Bäume und Steine gehören.
Für viele von uns scheint dieser Gedanke befremdlich, schließlich bin ich doch eindeutig etwas anderes als ein Stein. Und es ist auch vollkommen nachvollziehbar, dass so gedacht wird. Schlussendlich war diese Art zu denken über Jahrtausende der Konsens wie man über die Existenz von Menschen und Dingen gedacht hat. Diese Denkweise geht sogar so tief, dass unsere Sprache primär so aufgebaut ist, dass in Sätzen Subjekte auf Objekte einwirken. Auch hier stellen sich viele von euch bestimmt wieder die Frage, wie relevant es überhaupt ist zu fragen: „Was bedeutet es zu sein?“. Ist die Frage nach dem Sein nicht eine redundante und fast selbstsüchtige Frage? Wäre es nicht viel sinnvoller zu fragen: „Wie stoppen wir das Schmelzen der Polkappen?“ oder „Wie verbessere ich meine Technik, um einen Diskus weiter zu werfen?“.
Heidegger würde zustimmen, dass das sehr interessante Fragen sind. Aber was wäre, wenn unsere Ignoranz der Daseins-Frage, die all diese anderen Fragen erst ermöglicht, uns daran hindert Antworten zu finden? Oder was wäre, wenn eben jene Ignoranz Ursache ist für die Probleme, auf welche wir Antworten zu finden versuchen? Heidegger würde sagen, egal ob wir biologische Fragen über Ziegenwesen, anthropologische Fragen über kulturelle Wesen oder sportliche Fragen über sportliche Wesen stellen, schlussendlich stellen wir Fragen über Wesen, die sind. Und vielleicht würde, wenn wir besser verstehen würden, was es bedeutet zu sein, es uns erlauben, besser zu verstehen, wieso wir überhaupt gewisse Probleme haben und ob es überhaupt Probleme sind.
Nehmen wir uns mal eins der Themen aus dem Modul der Trainerausbildung vor: künstliche Intelligenz im Sport. K.I. ist eine Form von Technik, die es zwar schon länger gibt, aber vor allem in den letzten Jahren einen Boom erlebt hat. Heutzutage muss man quasi mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen, um der K.I. zu entgehen. Von K.I.-Assistenten beim Online-Shopping, K.I.-generierter Content im Internet oder auch K.I.-gesteuerte Erholungsempfehlungen und Trainingspläne in Fitness-Apps; K.I. ist überall.
Auch schon Heidegger, der weit vor der Zeit von K.I.-generierten Emojis lebte, schrieb über den negativen Einfluss von modernen Technologien auf die Menschen. Die Technologien von heute scheinen sehr unterschiedlich und fast nicht vergleichbar mit denen der damaligen Zeit. Dennoch sind sowohl der Mars-Rover und Kernkraftwerke als auch primitive Werkzeuge wie ein angespitzter Stein oder das Rad beides Technologien in dem Sinne, dass sie als Mittel zur Erfüllung eines Zwecks dienen, wobei dieser Zweck meistens verbunden ist mit menschlicher Aktivität. Ein Nudelholz, zum Beispiel, ist auch ein Stück Technologie, das man nutzen kann, um einen Zweck zu erfüllen. Primär wird es dafür genutzt Teig auszurollen, aber man kann es auch für andere Zwecke benutzen, beispielsweise, um mit dem Hund zu spielen oder Einbrecher in die Flucht zu schlagen. Guckt euch mal in eurem Raum um. Wir sind umgeben von Dingen, die mal innovativste und fortschrittlichste Technologien waren. Wir schwimmen in einer Suppe von Dingen, die der Erfüllung von unseren Zwecken dienen und nehmen sie meistens nicht mal bewusst wahr.
Technologien an sich und moderne Technologien haben also Gemeinsamkeiten, Heidegger sah aber einen entscheidenden Unterschied zwischen einem Stuhl und einem Computer. Um diesen Unterschied zu verstehen, müssen wir noch etwas weiter zurückblicken. Technologien, so haben wir gerade erfahren, dienen der Erfüllung von Zwecken. Wenn etwas als Mittel zum Zweck dient, so bedarf es der Annahme von Kausalität. Im Falle von Technologien bedeutet das, etwas hat die Technologie verursacht und diese Technologie wird dann zum Erfüllen des Zwecks benutzt. Aristoteles beschrieb seiner Zeits vier Ursachen von Dingen: i) die Stoffursache, ii) die Formursache, iii) die Wirkursache und iv) die Zweckursache oder auch Zielursache. Am Beispiel des Nudelholzes lassen sich die vier Ursachen wie folgt erklären: die Stoffursache beschreibt das Material, aus dem das Nudelholz besteht, also Holz. Die Formursache beschreibt die Struktur, in die sich das Material verändert. Beim Nudelholz denken wir alle an eine zylindrische Form und nicht an ein Prisma oder einen Quader. Die Wirkursache ist etwas außerhalb des Dings an sich, dass die Veränderung bewirkt, im Falle des Nudelholzes also beispielsweise ein Drechsler. Die Zweckursache bestimmt die Ursache einer Sache aus ihrem Zweck oder ihrem Nutzen. Die Zweckursache eines Samens ist eine Pflanze, die von einem Schiff das Segeln und die von einem Nudelholz, das Ausrollen von Teig.
Diese vier Ursachen verloren jedoch ungefähr zur Zeit von Descartes und seiner Philosophie des Seins an Bedeutung und man begann über die Ursache von Dingen primär im Sinne der Wirkursache nachzudenken. Fragt man heutzutage jemanden, was die Ursache eines Nudelholzes ist, so würden die meisten wahrscheinlich „die Nudelholzfabrik“ antworten, oder sich fragen, wie der Beruf der Person heißt, die runde Dinge aus Holz herstellt (ich musste auch googlen, was ein Drechsler ist). Heidegger wäre mit dieser Einstellung nicht einverstanden. Natürlich braucht es jemanden, der das Nudelholz aus einem Baumstamm drechselt, aber ohne das Ziel, der Zweckursache, mit diesem geformten Stück Holz Teig auszurollen, würde niemand auf die Idee kommen ein Nudelholz herzustellen. Es ist also unzureichend die Ursache des Nudelholzes nur in seiner Wirkursache zu sehen. Es bedarf der Vernetzung der vier Ursachen, damit im Dasein die Idee eines Nudelholzes als etwas Mögliches entstehen kann. Für einen Großteil der Geschichte haben Menschen Bäume gesehen und haben nicht an Nudelhölzer gedacht. Dennoch war die Möglichkeit eines Nudelholzes immer gegeben. Gleichermaßen mag man sich vorstellen, was die Menschheit in hunderten von Jahren alles aus Bäumen produzieren kann, das wir uns heute nicht einmal erträumen könnten (vorausgesetzt es gibt bis dahin noch Bäume und/oder Menschen).
Technologien decken also auf, was in der Welt bereits existiert bzw. in der Zukunft existieren kann. Technologie ist, besinnt man sich auf dessen Etymologie, die Kunst, das in der Natur schlummernde Potential zum Vorschein zu bringen, sei es das Potential von David im Marmorblock, der Atombombe im Uran oder des Nudelholzes im Baum. Heidegger sieht jedoch, wie bereits angesprochen, einen großen Unterschied in der Art des Aufdeckens von modernen Technologien. Er sagt: „Und doch entfaltet sich das Entbergen, das in der modernen Technik waltet, nicht zu einem Hervorbringen im Sinne der poiesis.“ (Poiesis kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Machen“ oder „Erschaffen“) Durch moderne Technologien wird also nichts mehr geschaffen, sondern die Natur lediglich auf den Bestand reduziert. Moderne Technologien haben unsere Sichtweise auf die Natur und die Art, wie wir mit ihr interagieren, fundamental verändert. Diese Sichtweise verändert die natürliche Ordnung des Daseins und führt zu einer asozialeren und ultimativ unbewohnbaren Welt für uns Menschen. Menschen früher haben einen Baum gesehen und hätten in ihm eine Möglichkeit für Schatten an sonnigen Tagen erkannt oder vielleicht als Feuerholz, das an kalten Tagen Wärme spendet. Der moderne Mensch sieht einen Baum und fragt sich: „Wie schaffen wir es diesen Baum so klein wie möglich zu zermahlen und mit etwas Sand zu strecken, damit wir nicht nur 512 Nudelhölzer pressen können, sondern 603?“. Natur hat nur noch Nutzen, insofern sie dazu beiträgt Zwecke der Menschen zu erfüllen (der Bezug zur Nachhaltigkeitsthematik sollte hiermit deutlich sein).
Erinnern wir uns daran, dass Heidegger sowohl die Natur, sprich Bäume, Tiere (Ziegen), als auch uns Menschen unter dem Begriff des Seiendem zusammengefasst hat. Der Schritt, dass wir nicht nur Bäume, sondern auch Menschen als Mittel zum Zweck sehen, scheint nicht groß und man kann diese Betrachtung des Menschen als ausgenutzte Ressource bereits in vielen Teilen unserer Gesellschaft, beispielsweise der Ausbeutung von billigen Arbeitskräften, erkennen.
Übertragen wir diesen Gedanken nun auf den Sport. Moderne Technologien ermöglichen es uns unseren Trainingsprozess und unsere Athlet:innen so präzise und detailliert wie noch nie zu erfassen und auszuwerten. Herzfrequenzwerte werden in Echtzeit am Handgelenk angezeigt, Mahlzeiten werden heruntergebrochen auf Mikro- und Makronährstoffe und K.I.-Algorithmen sagen uns, ob wir gut geschlafen haben. Je mehr wie messen, testen, auswerten und vergleichen, desto wahrscheinlicher wird es, dass wir ein falsches Verständnis des Daseins entwickeln und uns fortschreitend entfremden von dem wahren Mysterium des Seins, hier unserer Athlet:innen. Es geht schlussendlich nicht um Watt-Zahlen, Kraftwerte oder Zubringerleistungen, sondern um die Athlet:innen, die Menschen, die Wesen, die diese Leistungen erbringen. Moderne Technologien machen es sehr einfach zu vergessen, dass Training primär ein sozialer Prozess ist. Wir verschreiben Leistungsparametern einen solchen Wert, der so kalt und distanziert ist, dass wir in Gefahr laufen, Athlet:innen nur noch als Produzent:innen von Leistung zu sehen und nicht mehr als Wesen an sich.
Genauso sehen Athlet:innen sich durch ständige Beurteilung und durch den Vergleich mit anderen, der durch moderne Technologien, wie den sozialen Medien, omnipräsent und alltäglich ist, dauerhaft damit konfrontiert, dass ihre Person auf quantifizierbare Einzelfaktoren reduziert wird. Die Reduktion auf den Bestand kann schnell zu einer Verarmung existenzieller Möglichkeiten, wie etwa dem Verlust von Sinn, von Selbstverständnis und von Eigentlichkeit führen. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, wieso eine solche Welt und eine solche Betrachtung der eigenen Existenz, schnell zu negativen Gefühlen, bis hin zu psychischen Erkrankungen, wie einer Depression führen kann. Leider zeigen die Statistiken, dass dies nicht mehr nur die Ausnahme ist, sondern immer mehr zur Regel wird. Die häufigste Todesursache bei Jugendlichen ist der Suizid. Etwa 18 Prozent aller Todesfälle in dieser Altersgruppe sind auf Selbstmord zurückzuführen, mehr als durch Verkehrsunfälle oder Krebs.
Vielleicht ist der Grund, wieso wir so viele Probleme haben, die Tatsache, dass wir uns selbst und die Welt nicht als Dasein begreifen. Eine solche Welt wäre eine, in der das Seiende nicht nur als voneinander getrennte Objekte erscheint, sondern in einem gemeinsamen Horizont von Sein. Eine Welt, in der sich nicht alles durch eine reduktionistische Betrachtungsweise und durch Messen und Bestimmen festlegen lässt, sondern eine Welt, in der Dinge als Ganzes betrachtet werden müssen und vielleicht für immer etwas mysteriös bleiben. Stattdessen nehmen wir unsere Welt wahr, als ein gleichgültiges Universum, in dem andere Entitäten getrennt von uns existieren, welche wir objektivieren und für unsere Zwecke ausnutzen. Wir müssen lernen, Dinge wieder in ihrem eigenen Sein erscheinen zu lassen, anstatt sie ausschließlich als Bestand zu behandeln. Das bedeutet Bäume nicht nur als Holzvorrat zu sehen, sondern auch als Wald zu erfahren, Tiere nicht nur als Ressource für Fleisch zu züchten, sondern auch als lebendige Wesen zu betrachten und auch Athlet:innen nicht nur als optimierbare Maschinen und deren Psyche als Leistungsvariable zu behandeln, sondern sie als Dasein wahrzunehmen, also als jemand, der ein Selbstverständnis jenseits von Leistung hat, der Bedeutung erlebt und der Möglichkeiten hat, die nicht messbar sind.
Die Art und Weise wie wir Dinge betrachten verändert alles. Hoffentlich konnte ich einige von euch mit diesem Text überzeugen, dass nicht alles, was Philosophen von sich geben Pferdemist ist und auch, dass Fragen, die auf den ersten Blick wie rein akademisches ontologisches Palaver wirken, durchaus alltägliche und praktische Relevanz haben können.
Abschließen möchte ich mit dem Gedicht „Family Resemblance“ von Jarod K. Anderson:
Our blood is red because of the iron we inherited from the Earth.
Iron to bind oxygen from trees and phytoplankton.
Our blood and breath are hand-me-downs.
The landscape is not scenery.
It’s family. Notice the resemblance.
Our blood is mostly water.
Iron to bind oxygen, built using the energy of sunlight.
Water. Earth. Air. Fire.
You may feel separated from the natural world,
but just look at what you are.
Look at how you live.
You are not born to this place. You are born of this place.
[…]
Our bodies speak of contradiction.
Bones and soft tissue. Teeth and lips. Sensitive resilience.
What strong family resemblance we share
with the landscapes that shaped us.
Wind and stone. Rivers and oaks.
This old dance of opposing forces.
Creating a unified whole.
Danke fürs Lesen.
Literatur
Anderson, J. K. (2020). Field Guide to the Haunted Forest. Independently published.
Barnes, J. (1984). The Complete Works of Aristotle, Vol. 1: The Revised Oxford Translation. Princeton University Press.
DESCARTES, R. (1996). Philosophische Schriften. Felix Meiner Verlag.
Herrmann, F.-W. von, & Heidegger, M. (2000). Gesamtausgabe 1. Abt. Bd. 7: Vorträge und Aufsätze. Klostermann, Vittorio.
Plato. (1999). Statesman (C. Rowe, Trans.). Hackett Publishing Co, Inc.
Präventionstag gegen Suizid: Jeder 100. Todesfall in Deutschland ist ein Suizid. (n.d.). Statistisches Bundesamt. Retrieved March 24, 2026, from https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/09/PD24_N046_23211.html
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