Über den Talentbegriff

Was ist ein Talent? Betrachtet man die Etymologie des Wortes, so sieht man ein Talent (aus dem Altgriechischen τάλαντον tálanton, deutsch „Waage, Gewicht“) war ursprünglich die Bezeichnung für eine altbabylonische Maßeinheit der Masse und wurde durch Aufwägen von Silber als Währung benutzt. In Bezug auf neuzeitliche Maße wiegt ein Talent ungefähr 26 Kilogramm. Jemand der ein Talent besaß, hatte also einen gewissen (hohen) Wert und mit einem Talent konnte man sich zumindest schon ein Segelschiff leisten. In modernen Kontexten begegnet einem der Talentbegriff in Formaten wie „Britain’s Got Talent“, Schauspieler:innen in Theater- oder Filmproduktionen werden als „Talent“, in Abgrenzung zur technischen Crew, bezeichnet oder es wird Magnus Carlsen als das Schach-Talent einer Generation betitelt. Talent scheint also etwas zu sein, das nicht jeder hat. Um Talent angemessen entwickeln zu können, scheint es wichtig zu sein, Talente zu finden, am besten, wenn diese noch jung sind, damit ausreichend Zeit für den Talententwicklungsprozess bleibt. Vor allem im sportlichen Kontext wird dieses Verständnis getragen durch Talentidentifikationsprozesse, Talent-Scouts am Spielfeldrand, Auswahltrainings, oder Talentsichtungswettkämpfe. Schlussendlich bauen unsere Sportfördersysteme auf einem gewissen Verständnis von sportlichem Talent auf, dem ich versuchen werde, hier nachzugehen.

Welchen Sinn hat es, zu definieren, was ein Talent ist? Die genaue Bestimmung eines Begriffs ist insofern wichtig, da dieses Verständnis die Basis legt für viele praxisrelevante Folgeentscheidungen. Wie kann man ein Talentsichtungstraining durchführen, wenn man nicht weiß, nach was man Ausschau halten soll? Wie will man ein funktionales Talententwicklungsumfeld aufbauen, wenn man nicht genau sagen kann, was ein Talent ist und welche Faktoren die Ausprägung dessen möglicherweise beeinflussen? Zudem trägt ein geteiltes Verständnis dazu bei Entscheidungen anhand einer konkreten Orientierung und somit in Konsens zu treffen. Eine differenzierte Klarstellung der Begrifflichkeiten sollte also ein grundlegender Schritt sein.

Die Ursprünge des orthodoxen Talentverständnisses

Starten wir dementsprechend zuerst mit der Konkretisierung des Talentbegriffes. Tatsächlich geht das derzeitige Verständnis des Begriffs „Talent“, welches mit Paracelsus einsetzte, im übertragenen Sinne der Begabung, zurück auf die allegorische Auslegung des biblischen Gleichnisses der anvertrauten Talente. Ein Herr stattet seine drei Diener vor einer Reise mit finanziellen Mitteln (Talenten) aus. Der erste Diener erhält fünf Talente, der zweite zwei und der dritte nur ein Talent. Nach seiner Rückkehr werden die zwei Diener, welche fünf und zwei Talente erhielten, die durch Wirtschaften aus ihrem Talent etwas gemacht haben, belohnt, während dem Dritten, der aus der Angst heraus alles zu verlieren, sein Talent lediglich in ein Tuch einwickelte und es verbarg, alles genommen wird. Hier zeigen sich schon einige der mit Talent assoziierten Faktoren: Talent ist eine Gabe, nicht jeder Mensch hat gleichviel Talent und aus seinem Talent muss etwas gemacht werden. Dennoch gibt es auch im modernen Verständnis unterschiedliche Auffassungen. Dies wird z.B. bereits deutlich, ob man darüber spricht, ob jemand ein Talent ist oder Talent hat. Ersteres impliziert, dass Talent etwas von der Person Unzertrennliches ist (statisch-enges Talentverständnis) (Güllich, 2022). Das Talent ist von Geburt an gegeben und kann dementsprechend früh und durch einmalige Messungen festgestellt werden. Je früher ein Talent entdeckt wird, desto mehr Zeit bleibt zur Entwicklung dessen. Die zweite Formulierung hingegen sieht Talent eher als eine Eigenschaft, die beeinflussbar ist und somit trainiert werden kann (dynamisch-offenes Talentverständnis) (ebd.).

Zudem kommt, dass das Wort „Talent“ oft synonym mit anderen Begriffen wie „Begabung“, „Veranlagung“ oder gelegentlich auch „Genie“ verwendet wird. Wobei im Sport primär von Talenten gesprochen wird, so wird in Bildungs- und intellektuellen Kontexten eher der Begriff „Begabung“ genutzt. Früher wurde von Talent sogar als die niedere Abstufung der Begabung gehandelt und Talente waren „Personen mit überlegenen Fertigkeiten, welche nicht unbedingt hohe Intelligenz aufweisen“ (Owen et al. 1978). Häufig werden diese unterschiedlichen Bedeutungen aber nicht klar voneinander getrennt, sondern unter dem Sammelbegriff „Talent“ vermischt. Dieser Wandel mag auf soziale, kulturelle und/oder politische Faktoren, während der 1960er Jahre und die einhergehende verstärkte Aufmerksamkeit für Fragen der Chancengerechtigkeit (equity issues) zurückzuführen sein und wird teilweise kritisch interpretiert (Rasmussen & Ydesen, 2019). Dieses ambivalente Verständnis geht mit einem logischen bzw. tautologischen Problem einher: Talente werden aufgrund ihrer besonderen Leistung definiert, wobei ebendiese Leistung auf dem Vorhandensein von Talent basiert. Wieso erbringt diese junge Sportlerin so eine gute Leistung? Weil sie ein Talent ist. Und woher wissen wir, dass sie ein Talent ist? Weil sie so gute Leistungen erbringt. Talent ist, wer Talent zeigt. Talent stellt zugleich das Rohmaterial dar, als auch das Endprodukt eines Entwicklungsprozesses. Zudem bleibt unklar auf was sich Talent bezieht. Ist es die aktuelle Leistung, zukünftiges Entwicklungspotenzial, oder beispielsweise auch die Hingabe zu einem Handlungsfeld?

Eine Begriffliche Klärung, bzw. eine Rückbesinnung auf die bereits dagewesene Differenzierung, bietet der kanadische Wissenschaftler Françoys Gagné in seinem Differentiated Model of Giftedness and Talent (Gagné, 2009). Wie der Name des Modells schon verrät, differenziert Gagné zwischen den Begriffen „Begabung“ und „Talent“. Begabung wird definiert als das Besitzen und das Gebrauchen von untrainierten und spontan ausgedrückten natürlichen Fähigkeiten, welche die Person in die Top 10%1 einer gleichaltrigen Population platziert (dies entspricht der statisch-engen Auffassung von Talent – Talente werden geboren). In Kontrast dazu wird Talent als die überlegene Beherrschung von systematisch entwickelten Fertigkeiten in mindestens einem Bereich von menschlichen Aktivitäten gesehen, welche, gleich der Einteilung in Bezug auf Begabung, eine Person in die Top 10% einer gleichaltrigen Population platziert (dynamisch-offenes Talentverständnis – Talente werden gemacht). Begabung und Talent unterscheiden sich also insofern, dass ersteres als eine Gabe der Natur gehandelt wird, welche teils angeboren ist, also auch eine genetische Komponente besitzt. Begabungen entwickeln sich durch natürliche Reifeprozesse und alltäglichen, informellen Gebrauch. Der Talentbegriff hingegen kann eher auf den Kontext von Hochleistung und die gezielte Entwicklung von Fertigkeiten, charakteristisch für einen bestimmten Bereich von menschlicher Aktivität, wie beispielsweise dem Sport, bezogen werden. Diese werden durch einen langen, anspruchsvollen und teils mühsamen Prozess von Lernen, Trainieren und Üben erarbeitet. Bezieht man diese Kategorisierung auf den Sport, so könnte man sagen, dass eine Person, die regelmäßig und gewissenhaft trainiert und dadurch überdurchschnittlich hohen Erfolg hat, talentiert ist. Nimmt man hingegen eine andere Person, die überhaupt nicht trainiert, aber bei einer Stufenbelastung auf dem Ergometer eine maximale Sauerstoffaufnahme von 80 ml/kg/min aufweist und bei 90% HRmax immer noch nur mit 3,8 mmol/L Laktat läuft, so spricht man nicht von Talent, sondern von einer Begabung. Aus dieser Strukturierung folgt aber auch, dass man zwar begabt sein kann ohne Talent zu zeigen, jedoch nicht andersherum. Man kann nicht talentiert sein, ohne vorher die nötige natürliche Begabung zu haben. Diese Unterscheidung, sei es zwischen einem statisch-engem und dynamisch-offenem Talentverständnis oder der Differenzierung zwischen Begabung und Talent, spiegelt in gewisser Weise die „Nature vs. Nurture“ Debatte wider. Heutzutage wird man wenige Personen finden, die strikt die eine oder andere Seite vertreten. Es wird davon ausgegangen, dass Leistung (bzw. Talent) sich im Zusammenspiel natürlicher (genetischer) Anlagen und Umweltreizen ausprägt.

Der aktuelle Talentförderungspfad

Aus der vorangegangenen Erläuterung lässt sich also ableiten, dass Begabungen gefunden und Talente entwickelt werden müssen. Die Multi-Milliarden Industrie des professionalisierten Sports ist auf eine erfolgreiche Identifikation und Entwicklung sportlicher Talente angewiesen. Dementsprechend ist auch der Talententwicklungsprozess in den vergangenen Jahrzehnten zu einem industriellen Förderband geworden, welches das wertvolle Rohmaterial, in Form des Fleischs der jungen Athlet:innen, so früh wie möglich vereinnahmt und zu Goldmedaillen verarbeitet. Dieser Prozess lässt sich grob in vier Abschnitte aufteilen: i) Die Talentsichtung beschreibt das Entdecken junger Menschen, welche noch nicht in der entsprechenden Sportart tätig sind, aber bereits ein gewisses Potenzial aufweisen. Hier wird sich also auf Prädispositionen im Sinne der Begabung bezogen, sei es in Form von großen Händen für das Schwimmen, langer Arme zum Diskuswerfen oder ein gutes Ballgefühl im Fußball. ii) Während der Talentidentifikation werden solche Athlet:innen identifiziert, welche bereits in der jeweiligen Sportart tätig sind und im jungen Alter, gegenüber ihren gleichaltrigen Mitsportler:innen, ein besonders erhöhtes Leistungsniveau aufweisen. Es wird davon ausgegangen, dass zukünftiger Erfolg dieser Athlet:innen wahrscheinlich und vorhersagbar ist. iii) Die Talententwicklung beschreibt das Kreieren von angemessen Trainings- und Umweltbedingungen, die positiv zur Förderung der gesichteten und identifizierten Athlet:innen beitragen sollen. iv) Im letzten Schritt, der Talentselektion, werden nur die erfolgreichsten Talente ausgewählt und auf dem Weg ihrer ambitionierten Leistungssportkarriere begleitet und unterstützt.2 In verschiedenen Regionen wird unterschiedlich viel Wert auf die einzelnen Abschnitte gelegt. Während beispielsweise in Ostblock-Gebieten oder solchen Ländern mit einer hohen Bevölkerungszahl und totalitären Regierungsformen viel Wert auf die Sichtung und Identifikation von Talenten gelegt wird, so stehen Talententwicklungsprozess in vielen westlichen Ländern eher im Fokus (was nicht bedeutet, dass erstere keine Talententwicklung haben und im Westen nicht gesichtet wird).

Dieser klassische Pfad ist an einigen Stellen sehr holprig und es gibt eindeutige Hinweise, dass er in vielen, wenn nicht sogar den meisten Fällen, nicht zielführend ist. Zum einen weist die Literatur inzwischen deutlich darauf hin, dass Leistung im jungen Alter, anhand welcher Talente identifiziert und selektiert werden, ein schlechter Prädiktor ist für zukünftige Leistung. Die bekannte Übersichtsarbeit von Güllich et al. (2023) zeigt, dass 89,2% der erfolgreichen U17/U18 Athlet:innen nie ein internationales Niveau in den Erwachsenenklassen erreichen konnten. Dieses Phänomen findet man zum Beispiel im Radfahren (Mostaert et al., 2022), dem Fußball (Dugdale et al., 2021), der Leichtathletik (Boccia et al., 2017, 2020, 2021) und teilweise auch in Sportarten, in denen eine frühe Spezialisierung als essenziell betrachtet wird, wie dem Schwimmen (Brustio et al., 2021; Born et al., 2023). Andere Studien zeigen, dass Erfolg im Jugendalter primär mit einer frühen Maturation korreliert, wie beispielsweise die Arbeit von Niklasson et al. (2024) im Eishockey – ein Phänomen, das als Relative Age Effect (RAE) bekannt und in vielen Sportarten prävalent ist (Musch & Grondin, 2001; Wattie et al., 2015). Bereits 1995 schrieb Adam Baxter-Jones über die steigende Anzahl an jungen Kindern im organisierten Wettkampfsport und die daraus resultierenden negativen Konsequenzen, wie sinkende Motivation für eine lebenslange Teilhabe am Sport und auch der Nutzen von Ergebnissen im Jugendalter zur Talentidentifikation (Baxter-Jones, 1995). Ähnliche Erkenntnisse wurden im schulischen Bereich gewonnen. So konnte teilweise nur ein geringer Zusammenhang gefunden werden zwischen dem Notendurchschnitt und späteren Erfolgen im Erwachsenenalter (Baird, 1985; Aciro et al., 2021), vor allem wenn es um hohe akademische Leistungen ging (Sawyer, 2013), und auch die schulische Leistung wird durch den RAE beeinflusst (Cobley et al., 2008; Mavilidi et al., 2022; Navarro et al., 2015). Dennoch wird häufig argumentiert, dass junge Athlet:innen früh Erfahrungen in einer Sportart sammeln müssen. Diese Auffassung wird unter anderem durch den immer noch weitverbreiteten Mythos der 10.000-Stunden-Regel angetrieben. 1993 beschrieb Karl Ericsson und seine Forschungsgruppe, dass zum Erreichen von Höchstleistungen und Expertise ungefähr 10.000 Stunden an zielgerichteter und bewusster Arbeit (sogenannter Deliberate Practice) notwendig sind (Ericsson et al., 1993). Diese Behauptung wurde, vor allem durch Malcolm Gladwell und sein populärwissenschaftliches Buch „Outliers“ (Gladwell, 2011), verbreitet und hat sich seitdem fest in der Denkweise über Leistungsentwicklung etabliert. Dass es immer wieder Studien gibt, die die 10.000-Stunden-Regel widerlegen (Baker & Young, 2014; Macnamara et al., 2016; North, 2012; Staff et al., 2019) und Ericsson selbst die Regel in neueren Veröffentlichungen explizit ablehnt (Ericsson & Pool, 2017) wird meist ignoriert. Eine frühzeitige und spezialisierte sportliche Ausbildung, sowie eine umfangreiche Teilnahme an Förderprogrammen (wie bspw. Kaderstrukturen) in jungen Jahren, wie sie dementsprechend in vielen Strukturen und Köpfen immer noch als notwendig aufgefasst wird, führen in den wenigsten Fällen zum Erfolg und stehen sogar in einem negativen Zusammenhang mit Weltklasse Leistungen im Erwachsenenalter (Güllich & Barth, 2024; Vaeyens et al., 2009; Kroeten, 2026). Die meisten Talente, welche durch das beschriebene System identifiziert werden, werden nach wenigen Jahren wieder aus den Förderstrukturen genommen und generell weisen Talentförderprogramme eine große Fluktuationsrate auf, was entgegen der versprochenen langfristigen Entwicklung steht (Güllich & Barth, 2026). Hier lässt sich passend, in Rückbesinnung auf das durch das Bibelgleichnis entstandene moderne Verständnis des Talentbegriffs, anmerken, dass in der Übersetzung der New English Bible das griechische Wort für „Talent“ mit „capital“ (Deutsch: Kapital) übersetzt wird, was als einer der Ursprünge gesehen werden kann, wieso sich im wirtschaftlichen Kontext das (Un-)Wort (Der Spiegel, 2005) „Humankapital“ etabliert hat (Tansley, 2011). Man sollte sich also die Frage stellen, ob durch die bestehenden Förderstrukturen mehr Talente gefunden und gefördert oder eliminiert und am Straßenrand liegen gelassen werden.

Ein weiterer Faktor, der sich negativ auf Talentfördersysteme auswirkt, ist, dass der Einfluss der Prozesse an sich (Talentsichtung, -identifikation, -entwicklung und -selektion) auf den Talentförderprozess selbst meist ignoriert wird. Zum einen werden Entscheidungen in Talentförderstrukturen, vor allem in Bezug auf Identifikation und Selektion, als objektiv dargestellt. Wie wir aber schon festgestellt haben, bestehen solche Prozesse aus dem Erkennen von leistungsstarken Athlet:innen, primär anhand von aktuellen Leistungen, und der Einordnung dieser Leistungen im Vergleich zu gleichaltrigen (in Bezug auf das kalendarische Alter) Sportler:innen. Möglicherweise werden diese Leistungen ebenfalls abgeglichen mit den Anforderungen eines höheren Kompetenzniveaus. Als letzter Schritt werden anhand der vorliegenden Daten, welche auf eine Begabung oder ein unentwickeltes Talent hinweisen, versucht die Athlet:innen mit dem größten Potenzial zu identifizieren. Lediglich die Erfassung und Einordnung der aktuellen Leistung kann objektiv geschehen, wobei auch bestreitbar ist, ob eben solche Daten, die objektiv erhebbar sind, das komplexe Konstrukt der sportlichen Leistung ausreichend darstellen können (Lidor et al., 2009; Robbins, 2010; Severin et al., 2025). Der ausschlaggebende Schritt der Vorhersage von Potenzial, kann nicht objektiv entschieden werden (auch wenn Systeme wie beispielsweise das PotAS in Deutschland vorgaukeln es tun zu können). Schon 1966 beschrieb A.B. Heilbrunn es passend: „In defining human potentiality, we refer to that which exists in possibility, not actuality, whereas in testing procedures we evaluate that which exists in actuality not possibility.” (Heilbrunn, 1966 zitiert in Tranckle & Cushion, 2006). Die Entscheidung, ob ein Talent vorliegt, kann also, auf Grund der inhärenten Komplexität des Talentkonzepts, nie vollkommen objektiv sein, zumal die endgültige Entscheidung meist vom Bauchgefühl und dem Instinkt (Coach’s Eye) von Trainer:innen und anderen Einzelpersonen abhängt. Doch selbst hochprofessionelle Personen mit langjähriger Erfahrung in Talententwicklungssystemen sind nicht sehr gut darin Talente sicher zu identifizieren bzw. zukünftigen Erfolg zu prognostizieren (Lath et al., 2020; Roberts et al., 2019; Roberts et al., 2026). Des Weiteren ist die Selektion selbst Teil des Entwicklungssystems, beeinflusst somit auch dessen Verlauf. Eine frühe Selektion kann zu bevorzugter Behandlung der ausgewählten Athlet:innen führen, bspw. durch ein umfangreicheres Trainingsangebot, den Zugang zu Sportstätten oder eine bessere medizinische Betreuung. Dieses Phänomen ist bekannt, als der „Pygmalion Effekt“ und wurde 1963 das erste Mal beschrieben (Rosenthal & Fode, 1963). In dem Experiment ging es darum, dass Ratten lernen sollten, ein Labyrinth zu navigieren. Der Hälfte der Forscher:innen wurde gesagt, dass ihre Ratten dumm waren, während der anderen Hälfte mitgeteilt wurde, ihre Ratten seien begabt. Die Ratten unterschieden sich jedoch nicht und wurden zufällig zugeteilt. Dennoch lernten die angeblich begabteren Ratten merklich schneller, was auf den deutlichen Einfluss der Erwartungshaltung und dem resultierenden Umgang der Forscher:innen zurückzuführen ist. Vergleichbare Experimente wurden im Zusammenhang mit Lehrer:innen und Schüler:innen wiederholt. Auch hier zeigte sich ein eindeutiger Einfluss der Erwartungshaltung der Lehrer:innen auf die schulische Leistung der Schüler:innen (Rosenthal & Jacobson, 1968; Gentrup et al., 2020). Nimmt man an, dass eine Person begabt ist und das gewisse Etwas besitzt, so ist es wahrscheinlicher, dass sie sich auch entsprechend der Erwartungen entwickelt. Ähnliche selbsterfüllende Prophezeiungen lassen sich im Sport erkennen (Chen, 2026; Civan et al., 2026) und der Pygmalion-Effekt ist eins der theoretischen Modelle zur Erklärung des Relative-Age Effekts (Hancock et al., 2013).

Die zur Talentförderung ergriffenen Maßnahmen, wie eine Talentsichtung und Spezialisierung im frühen Alter, scheinen also nicht nur nicht die versprochene Rolltreppe zum Erfolg zu sein, sondern leiten viele junge Sportler:innen in die falsche Richtung oder enden in Sackgassen. Woran liegt es, dass, trotz immenser Investitionen in die entsprechenden Systeme, der Talentförderprozess zum Scheitern verurteilt zu sein scheint? Meiner Meinung nach ist grundgebend dafür ein möglicherweise unzureichendes Verständnis des Zusammenhangs von Begabung, Talent und dem Entwicklungsprozess an sich. Dieses Verständnis möchte ich im Folgenden näher betrachten. Die Grundideen dessen stammen nicht von mir, sondern von Tim Ingold, primär seinem Werk „The Perception of the Environment“.

Talentförderung als Entwicklungssystem

Um diese alternative Ansichtsweise zu verdeutlichen, muss ich erst eine kleine Analogie schlagen zur Biologie und dem vorherrschenden Verständnis des Kopierens und der Weitergabe genetischer Informationen hin zur Entwicklung eines Phänotyps. Das orthodoxe Verständnis der Ausprägung von natürlichen Anlagen lässt sich gemäß Abbildung 1 darstellen.

Abbildung 1: Die orthodoxe, Darwinistische Vorstellung des Kopie-Prozesses (nach Ingold (2021))

Diese interaktionistische Darstellung von Entwicklung beschreibt diese als sich entfaltende Beziehung zwischen Genen und der Umwelt. Hierbei enthalten die Gene die Essenz der Form, während die Umwelt lediglich als Lieferantin der materiellen Bedingungen für dessen Verwirklichung verstanden wird. Die Umwelt trägt also nur insofern zur Entwicklung bei, dass sie die Höhe der Ausnutzung des vorhandenen und mit der DNS kopierten Potenzials beeinflussen kann.
Vergleichen lässt sich dies mit der vorherrschenden Auffassung der Entwicklung von Sprache (vgl. Chomsky, 1998). Es wird davon ausgegangen, dass Menschen, per se, in der Lage sind zu sprechen, also eine Sprachfähigkeit besitzen (natürlich gibt es auch Menschen, die nicht sprechen können, diese sind jedoch nicht „die Norm“ und selbst bspw. gehörlose Menschen verfügen über diese Sprachfähigkeit; sie bringen sie lediglich auf andere Weise zum Ausdruck - nicht durch Sprechen, sondern durch Gebärdensprache). Wie diese Sprachfähigkeit entwickelt wird, hängt vom jeweiligen Umfeld ab, was dazu führt, dass Menschen in China Chinesisch sprechen und Einwohner aus München so tun, als würden sie die Oberfranken nicht verstehen.

Dieses Verständnis ist aber nicht unbedingt korrekt. Auch etwas scheinbar Fundamentales wie Sprache ist keine Fähigkeit, sondern eine Fertigkeit, die kontinuierlich in einem Entwicklungskontext der aktiven Interaktion in einer Umwelt generiert und regeneriert wird. Wächst ein Kind ohne ein linguistisches Umfeld auf, so wird es auch nie das Konzept von Sprache entwickeln. Sogenannte Kaspar-Hauser-Versuche, welche den weitestgehenden Erfahrungsentzug und die Isolation vor Artgenossen untersuchen, zeigen genau das (Schneider, 2021). Statt der oben aufgeführten orthodoxen Sichtweise würde ich (nach Ingold) folgende Darstellung aufführen wollen (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Der Kopie-Prozess als Entwicklung des Organismus in der Umwelt (nach Ingold (2021))

Im Gegensatz zum vorherigen Ansatz, bei dem die Entwicklung, welche durch Interaktion des Genotyps mit der Umwelt entsteht, primär als das „Hervorbringen“ der durch die DNA kopierten und im Genom verborgenen Pläne gesehen wird, ist im alternativen Ansatz eines Entwicklungssystems, das fehlende Glied zwischen Genotyp und Ausprägung der Charakteristika, nicht ein Entwurf welcher a priori und unabhängig vom Entwicklungsprozess materialisiert wird, sondern der Entwicklungsprozess an sich. Es gibt also kein Design und keinen Genotyp; die organische Form wird generiert nicht ausgedrückt.

Wie hängt das mit dem Talentbegriff zusammen? Überführt man die Begriffe der Begabung und des Talents in die vorgestellten Modelle, so könnte man sagen, dass, im orthodoxen Verständnis, der Genotyp sich durch die Begabung und der Phänotyp sich durch das Talent ersetzen lässt. Dies würde demnach auch dem Verständnis der aktuellen Talententwicklung und den darauf basierenden Talententwicklungsmodellen entsprechen – eine Person wird mit einem gewissen Maß an Begabung geboren, welche durch primär genetische Faktoren beeinflusst wird und anschließend durch Interaktion mit der Umwelt (einem systematischem Trainingsprozess) hervorgebracht und zum Talent entwickelt wird. Auch hier lässt sich dem geläufigen Verständnis widersprechen. Meiner Meinung nach wird zu viel Wert gelegt auf das unabhängige Vermögen, welches noch vor jeglichen Interaktions- oder Entwicklungsprozessen, das schlussendliche Potenzial des Talents bestimmt. Ich möchte auch nicht sagen, dass der Umwelt eine größere Rolle zugeschrieben werden sollte, also nicht das Pendel in Richtung „Nurture“ schwingen lassen. Die Umwelt ist ein konstitutives Element, aber Umwelt und Organismus sind nicht getrennt voneinander, sonders vereint in einem Entwicklungsprozess zu betrachten. Talente entstehen durch ihre aktive, aufmerksame (und wechselseitige) Auseinandersetzung mit der Welt, nicht alleinig durch innerliche Gaben oder dem Aufwachsen im Sportinternat. Der Nutzen des Talentbegriffes in seiner aktuellen Form sollte also überdacht werden. Wir nutzen ihn primär (vor allem im Sinne der Begabung) als ein beobachtbares, normbasiertes Konzept, welches zur Prognose von Potenzial in der Zukunft anhand Momentaufnahmen in der Gegenwart genutzt wird. Ein, laut der gewählten Definition, rein deskriptiver Begriff wird somit, fälschlicherweise, ein prospektiver Nutzen zugeschrieben (die Tatsache, dass aktuelle Leistung kein guter Prädiktor ist für zukünftige Leistung, sollte inzwischen mehr als deutlich geworden sein). Was ich also ablehne, ist die kausale Narrative, die durch den Talentbegriff vertreten wird – etwas, von der Natur Gegebenes, Inneres, dem Entwicklungsprozess Vorangehendes, wird durch die Interaktion mit der Umwelt in eine Fertigkeit umgewandelt. Ich möchte damit nicht sagen, dass bestimmte Personen nicht auch bessere Voraussetzungen, bspw. zum Werfen von einem Diskus, haben können. Stellt man mich mit meinen 1,70 m und 77kg neben Joe Kovacs oder Shaquille O’Neill, dann wird das direkt klar. Was ich aber vorschlagen möchte, ist ein anderes Konzept der Begabung, und zwar die Vorstellung von Dispositionen als relationale Passung. Damit meine ich Folgendes: eine Körpergröße von 2,13 m ist eine Gabe, aber nur, wenn man in der NBA spielen möchte. Im Kontext einer bestrebten Kunstturnerin wäre sie hingegen ein Fluch. Die Körpergröße an sich ist ebenfalls nicht nur genetisch bestimmt, da auch Faktoren wie Ernährung und Gesundheit diese beeinflussen. Man kann körperliche Besonderheiten anerkennen, ohne diese, oder dessen zugrundeliegenden Gene, als eigenständiger Akteur wirkende „Gabe“ zu betrachten. Es gibt, unbestreitbar, individuelle Differenzen, diese liegen aber in der Art und Weise wie ein Agens (ein Leib) in der Praxis agiert und sind nicht nur ein innerer Potenzialvorrat.

Wie wirkt sich das auf den Talententwicklungsprozess aus?

Im aktuellen Verständnis dominiert die Auffassung von Begabung als Objekt/Eigenschaft – Begabung ist etwas, was man (von Geburt an) hat – und von Talenten als Subjekte – gewisse Menschen sind Talente. Zudem scheint Talent, per Definition, exklusiv zu sein. Talentierte Menschen sind nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. Mit der vorangegangenen Erläuterung bzw. Abwandlung des orthodoxen Verständnisses, wird neben der Objekt- und Subjekt-Vorstellung eine weitere konzeptionelle Betrachtung des Talentbegriffs eröffnet, und zwar der des Talents als relationale Passung. Bestimmte Dispositionen werden nur dann als Begabung aufgefasst, wenn sie in dem entsprechenden Umfeld als solche erkannt werden können. Talent wird also als soziales Konstrukt beschrieben (Csikszentmihalyi et al., 1997). Es ist ein Gütesiegel, dass wir auf ebensolche Eigenschaften kleben, welche einen positiven Wert haben für den jeweiligen Kontext, in dem wir uns bewegen. Talent wird nur da erkannt, wo es sich lohnt Talente zu identifizieren – man würde wohl kaum von einer Person mit großen Nasenlöchern und langen dünnen Fingern behaupte, sie hätte die Begabung ein talentierter Nasenbohrer zu werden. Die komplexe Natur des Talentbegriffes beruht also, in großen Teilen, auf seiner essenziell relativen Qualität (Tranckle & Cushion, 2006). Demnach ist Begabung kein unabhängiger Topf voller Potenzial, sondern lediglich einer von vielen Faktoren, welche den Entwicklungsprozess einer Person hin zu einer kompetenten und fähigen Form, sei es als Cellist, Schriftsteller oder Kugelstoßerin, beeinflussen. Dies könnte zum einen zu der Reinterpretation führen, dass nicht der individuelle Bestandteil, sondern das ganze (Entwicklungs-)System als „Talent“ verstanden wird. So trägt doch das gesamte (und ausgeglichene) Ökosystem dazu bei, dass ein Baum über Jahre hinweg immer höher wächst. Begriffe wie „Talentidentifikation“ oder „Talentsichtung“ wären in diesem Kontext demnach quasi irrelevant, da eine ganzheitliche Entwicklung des Systems im Vordergrund steht.

Alternativ könnte man, sollte man sich weiterhin auf das Individuum beziehen möchten, Talentidentifikation nicht als frühzeitiges Erkennen von einer kleinen Anzahl an Menschen mit Begabung, welche schnellstmöglich durch exklusive Förderung zu einem Talent entwickelt werden sollen, verstehen, sondern als das Ermöglichen einer umfangreichen Erfahrungsbasis, anhand welcher, jeder für sich, sein eigenes Talent entdecken kann. Dies würde aber auch bedeuten, dass eine Talentförderung in der Leichtathletik zulassen muss, dass Athlet:innen ihr Talent in anderen Sportarten, wie beispielsweise dem Klettern oder (noch viel schlimmer) dem Fußball finden3 . Eine vielseitige (sportliche) Entwicklung könnte unter diesem Aspekt auch nicht nur dazu dienen ein „Grundvokabular“ von Bewegungen (physical literacy) zu erwerben, welches nur als Voraussetzung zum Zweck der spezialisierten Ausbildung in der gewünschten Sportart dient, sondern als Exploration durch eine Landschaft potenzieller Möglichkeiten, in welcher jeder für sich seinen eigenen Weg finden kann. Das bedeutet nicht, dass möglichst wenig zielgerichtet und spezifisch trainiert werden soll. Es ist unbestreitbar, dass zum Erreichen von Höchstleistungen ein hoher Umfang an Trainingsumfängen absolviert werden muss. Dies sollte aber nicht insofern interpretiert werden, dass daraus ein Curriculum für die begabten Nachwuchsathlet:innen konstruiert wird, welches diese zu absolvieren haben, um zu Talenten zu werden. Vielmehr sollte dieser Fakt die Frage aufwerfen, was junge Menschen dazu motiviert zu einem Talent zu werden. Was führt dazu, dass Individuen sich an einen Sport binden wollen? Meine persönliche Meinung ist es, dass es immer darum gehen sollte, dass jede Person für sich aus der, an sich zweckfreien sportlichen Aktivität, eine Sinnhaftigkeit entwickelt. Der Sport hat nicht nur zur Folge, dass Körper gestählt werden und die Überlegenheit des jeweiligen Entwicklungssystems demonstriert wird. Er bietet vielmehr die Möglichkeit zur Bildung und zur Selbstverwirklichung. Dieses enorme Potenzial des Sports kann nur dann ausgenutzt werden, wenn der Sport an sich als eine positive Erfahrung wahrgenommen wird (Côté, 1999). Die Missinterpretation des Talentbegriffs und die einhergehenden Fehlgestaltungen von Talententwicklungsumfeldern, welche Faktoren wie eine frühzeitige Spezialisierung, oder das Locken von Athlet:innen durch extrinsische Motivatoren wie große Geldsummen fördern, führen bewiesenermaßen zu mehr (Überlastungs-)Verletzungen, psychischen Problemen, wie Depression und Burn-Out und schlussendlich dazu, dass immer mehr junge Menschen aus dem Sport ausscheiden (Daley et al., 2023; Enoksen, 2011; Larson et al., 2019; Meyers et al., 2026; Myer et al., 2015; Reider, 2017; Wall & Côté, 2007). Wir sollten nicht zulassen, dass Kinder die genannten positiven Effekte des Sports verlieren, nur weil sie nicht als Talent identifiziert werden und ihnen somit der Zugang zum Sport genommen wird oder aufgrund dessen, dass sie auf Basis der idealisierten Vorstellung eines Talententwicklungsprozesses, auf den Bestand reduziert und nur noch als Mittel zum Zweck gesehen werden (vgl. Loewe, 2025) und dadurch die positive Assoziation zum Sport und somit die notwendige Motivation verlieren (Gray & Plucker, 2010). Es scheint vielleicht so, als müsste man sich entscheiden: Entweder will man Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen gewinnen, oder man versucht eine breite und lebenslange Partizipation im Sport zu fördern. Ich denke nicht, dass eine solche Entscheidung notwendig ist. Sie ist in den meisten Fällen eine Ausrede, sich nicht um alle kümmern zu müssen und das Eingeständnis mit der Heterogenität von Leistungen nicht umgehen zu können. Wie bereits erwähnt, wird ohne ein gesundes Ökosystem kein Baum in die Höhe wachsen.

Fazit

Ich denke nicht, dass ich hiermit die „korrekte“ Definition von „Talent“ gefunden habe. Wie ein Talent definiert wird, bzw. was die entsprechend richtige Definition ist, ist abhängig vom jeweiligen Entwicklungskontext. Man sollte sich aber der eigenen Vorstellung und Interpretation des Talentbegriffs bewusst sein, da diese den Umgang mit den empfundenen Talenten beeinflusst. Ich würde dennoch kritisch hinterfragen wollen, ob das orthodoxe Verständnis von Talent vielleicht nicht zu restriktiv in der Anwendung und zu exklusiv in der Auswahl ist. Schließen möchte ich mit einem Zitat von Erik Goertz, dem Geschäftsführer und Jugendbildungsreferenten des Nordrhein-Westfälischen Judo-Verbandes: „Talente kommen von überall.“ Die Frage ist nun, ob wir Suchtrupps aussenden müssen, um diese Talente zu finden und einzufangen, oder ob wir ihnen ein Umfeld bieten wollen, in denen sie freiwillig und gerne zu uns kommen.

 

Literatur

Titelfoto: “Rising Above The Rest” Photograph by Michael Nichols, National Geographic

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1  Gagné selbst ist sich der Arbitrarität dieser Schwelle bewusst

2  Tatsächlich ist in vielen Modellen die Talententwicklung der letzte Schritt und wird erst nach Sichtung, Identifikation und Selektion ausgeführt

3  Während hierzulange der Begriff „Talenttransfer“ fast noch ein Fremdwort ist, so ist er in anderen langfristigen Entwicklungssystemen, wie bspw. dem FTEM-Modell welches zum sportlichen Erfolg von Nationen wie Australien oder auch der Schweiz beiträgt, bereits fest etabliert und eine tragende Säule für das Gerüst der ganzheitlichen sportlichen Entwicklung.

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